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Rollenspiele im Aufwind

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Wer gern die Fähigkeiten einer Spielfigur innerhalb einer komplexen Welt weiterentwickelt und es liebt, den Fortgang einer Geschichte durch eigene Entscheidungen zu beeinflussen, für den sind epische Rollenspiele das Richtige. Servergebundene Vertreter des Genres – die sogenannten MMORPGs – haben seit dem Siegeszug von Blizzards World of Warcraft besonderes Publikumsinteresse gefunden. Das heißt aber nicht, dass gute Rollenspiele notgedrungen online stattfinden müssten. Auf der am Sonntag beendeten Gamescom 2010 haben etliche Hersteller das Gegenteil bewiesen: Auch am lokalen Computer kann man tief in phantastische Geschichten eintauchen, Geheimnisse lüften, überraschende Begegnungen erleben und dabei Kampferfahrungen sammeln.

Ausdrucksstarke Gesichter zeigt Arcania - Gothic IV.

(Bild: JoWood)

Dass auch namenlose Helden Karriere machen können, beweist Arcania – Gothic 4 , das der österreichische Publisher JoWood noch im Herbst 2010 für Windows-PC und Xbox, ein halbes Jahr später auch für PS3 auf den Markt bringen will. Die Entwicklung des Spiels dauert bereits einige Jahre; ursprünglich war ein Erscheinungstermin für Ende 2009, dann für Frühjahr 2010 angepeilt. Die Entwicklungsarbeit für den vierten Teil der Gothic-Reihe hat Spellbound Entertainment übernommen. Das Studio ist durch Desperados bekannt geworden. Das Team von Piranha Bytes , das die vorherigen Gothic-Spiele entwickelte, hat in diesem Jahr nach Reibereien um das von Fehlern durchsetzte Gothic 3 mit Risen den ersten Teil einer eigenen Rollenspielreihe präsentiert. Man will die Serie 2011 fortsetzen.

Arcania wurde anlässlich der Gamescom 2010 auf dem Windows-PC präsentiert. Dort zeigte sich die Grafik sehr detailfreudig und fein. Es deutete sich bereits an, dass auch das vierte Spiel der Gothic-Reihe eine sehr starke, dichte Atmosphäre haben wird. Im Mittelpunkt steht ein neuer Held, nachdem der ewig namenlose Recke aus den Vorgängern mittlerweile zum König aufgestiegen ist. Konsequenterweise hat auch sein Nachfolger keinen Namen.

Anfangs arbeitet man noch als Schafhirte und kann dabei erste Kampferfahrungen sammeln. Einen kleinen Eindruck vom Humor der Macher bekommt der Spieler, wenn er einige seiner Schafe erschlägt. Bei seiner Rückkehr empfängt die Mutter des Helden daheim ihren Sohn mit den Worten: “Blut – oh nein, nicht schon wieder! Du sollst die Schafe hüten und nicht umbringen!“ Genretypisch kann man im Laufe des Spiels immer eindrucksvollere Fähigkeiten erlernen und natürlich auch mächtige Waffen und Rüstungen erringen. Das Kampfsystem wurde überarbeitet und lässt sich nun in vier verschiedenen Schwierigkeitsgraden spielen: Einfach, Normal, Schwer oder "Gothic" – die letzte Stufe ist Veteranen des Vorgängerspiels gewidmet, die gern bei dessen vielgescholtenem System bleiben möchten.

Der Herr der Ringe - Krieg im Norden: kampfbetonte Spielhandlung

(Bild: WB Games)

Deftiger geht es bei Der Herr der Ringe – Krieg im Norden zur Sache. Der Spielezweig des US-Publishers Warner Bros. plant, das Action-Rollenspiel für Windows-PC, Xbox 360 und PS3 im Frühjahr 2011 herauszubringen. Die kunstreiche Mythenwelt des englischen Gelehrten J.R.R. Tolkien dient hier nur noch als Hintergrund für ein reines Haudrauf-Spektakel. Mit einer dreiköpfigen Gruppe schlägt man sich durch die Nordlande Mittelerdes und hält dort die Schergen des finsteren Herrschers Sauron in Schach. Das Heldentrio besteht aus einem Menschen, einer Elbenfrau und einem Zwerg.

Der Präsentator vom Entwicklerteam Snowblind Studios wies auf der Gamescom in Köln fröhlich darauf hin, man dürfe jede Menge Köpfe und Gliedmaßen abschlagen, was "Lots of Fun" bedeute. Dass diese Art des Spaßes sich auch noch in der deutschen Spielfassung finden wird, darf man getrost bezweifeln. Allerdings gibt es eine Reihe anderer Faktoren, die das Spiel tatsächlich für Freunde des Hack'n'Slay-Konzepts interessant machen. Man muss die besonderen Fähigkeiten der drei Helden sinnvoll einsetzen, um zu überleben. Sammler werden sich über die zahlreichen magischen Artefakte freuen, die darauf warten, von den Spielern gefunden und genutzt zu werden. Bis zu drei Teilnehmer dürfen online im Co-op-Modus miteinander losziehen.

The Witcher 2: Prächtige Grafik und ein weit verzweigter Handlungsbaum

(Bild: Namco Bandai)

Viel erzählerische Tiefe wird The Witcher 2 – Assassins of Kings bieten. Namco Bandai (ehemals Atari) will das Spiel des polnischen Entwicklerstudios CD Projekt in Europa 2011 für Windows-PCs sowie voraussichtlich auch für Xbox 360 und PS3 in die Läden bringen. Der weißmähnige Held Geralt von Rivia, der den Romanen des polnischen Autors Andrzej Sapkowski entstammt, stand bereits beim 2007 erschienenen ersten Spiel im Mittelpunkt. Er zieht erneut aus, um für Auftraggeber lästige Ungeheuer und Flüche zu beseitigen und ansonsten einfach das Leben eines kaum besiegbaren magiebegabten Kämpfers zu führen, so, wie es ihm selbst gefällt.

Eine Besonderheit der "Witcher"-Spiele ist der Verzicht auf einen Moralkodex. Es hängt stark von den Entscheidungen des Spielers in den zahllosen Schlüsselsituationen der Geschichte ab, ob der Held eher ehrenhaft oder lustbetont, eher egoistisch oder hilfreich, eher grausam oder barmherzig agiert. Die Entwickler rühmen die Handlung ihres Spiels als "mature" – bei der auf der Gamescom durchgespielten Probequest spritzte manche Blutfontäne, und auch blanke Busen werden gezeigt. Das mag für Aufsehen sorgen, aber das Entscheidende an diesem Spiel ist etwas ganz anderes: Die nichtlineare Handlung mit ihrer Vielzahl an möglichen Spielverläufen lässt den Spieler die Welt von "The Witcher 2" mit einem Gefühl großer Entscheidungsfreiheit erleben.

Es gibt drei verschiedene Spielanfänge und 16 mögliche Endungen. Witcher-Veteranen können mit abgespeicherten Spielständen ins neue Spiel starten. Die Zahlen, die die Entwickler nennen, offenbaren noch weitere Besonderheiten: Das Spiel soll insgesamt 40 Quests enthalten. Für die Spielfigur gibt es 50 verschiedene Fähigkeiten und Skills. Gegenüber dem Vorgängerspiel hat man den Umfang der Cutscenes von 53 Minuten auf zweieinhalb Stunden vergrößert. Die komplett überarbeitete Grafik gehört zum Schönsten, was es in diesem Genre bislang gibt. Landschaften und Personen wirken sehr glaubwürdig, Monster streckenweise erschreckend eindrücklich. Alles ist enorm detailreich gestaltet.

Fallout - New Vegas: Der hilfreiche Doc Mitchell päppelt den Spielhelden hoch; seine Tests bestimmen die Startwerte des Spielcharakters.

(Bild: Bethesda Softworks)

Noch in diesem Herbst zieht es die Freunde gepflegter Science-Fiction wieder in die post-apokalyptische Welt von Bethesdas Fallout-Serie . In "New Vegas" kommt der Spieler als Kurier in einen Bereich, der vom großen Nuklearschlag nicht völlig zerstört wurde. Die Spielerstadt inmitten der Mojave-Wüste ist so etwas wie eine der letzten halbwegs intakten Bastionen der Menschheit. Allerdings ziehen hier skrupellose Gangster die Fäden.

Das Spiel verwendet die Engine des 2008 erschienenen Fallout 3, seine Geschichte setzt dessen Handlung aber nicht fort, sondern ist eigenständig. Wieder haben die Macher großen Wert auf schön synchronisierte Dialoge gelegt, und wieder bleibt es dem Spieler überlassen, ob er bei seinem persönlichen Vorgehen eher die Rollenspiel- oder die Shooter-Elemente des Spiels in den Vordergrund stellt. Die Grafik hat sich gegenüber dem bereits sehr überzeugend aussehenden Fallout 3 noch verbessert, der Fallout-typische Charme und das 1940er-Jahre-Design der Spielumgebung sind geblieben. (psz)