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Routing-Tabellen im Internet werden zu groß

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Das Internet Architecture Board (IAB) und die Internet Engineering Task Force (IETF) suchen nach einer Lösung für das Problem überbordender Routingtabellen. Einzelne Experten warnen davor, dass das enorme Wachstum der Routing-Informationen von vielen Routern nicht mehr bewältigt werden könne und man daher rasant auf gravierende Adressierungsprobleme im Netz zusteuere. IAB-Chefin Leslie Daigle informierte die Mitglieder der IETF diese Woche darüber, dass man beim IAB zu dem Schluss gekommen sei, es handle sich um ein echtes Problem. Allerdings sei man der Ansicht, dass genug Zeit bleibe, um über eine koordinierte Lösung zu diskutieren. Das IAB will einen Kreis von Experten (Directorate) berufen; eine oder mehrere IETF-Arbeitsgruppen sollen bei dem für Ende März angesetzten sechsten IETF-Treffen in Prag an den Start gehen.

Im Jahr 2005 umfasste die aktuelle Routing-Tabelle, die die Auslieferung von IP-Paketen an den jeweils richtigen Empfänger ermöglichen, zwischen 150.000 und 175.000 Routen – so heißt es im Bericht zur IAB-Tagung zum Routing. Heute liege die Zahl bereits bei 200.000 und man erwarte innerhalb von fünf Jahren ein weiteres Wachstum auf 370.000. Besonders panische Beobachter warnten, die Zahl können sogar auf 2 Millionen Routing-Einträge in 15 Jahren und 10 Millionen im Jahr 2050 anwachsen. Der Hauptgrund für das kräftige Wachstum liegt nicht so sehr in den zunehmenden Nutzerzahlen, sondern vielmehr in der Beliebtheit des sogenannten Multihoming.

Wer über mehrere Provider erreichbar sein möchte, braucht providerunabhängige IP-Adressen. Zu diesen muss eine eigene Route führen – und schon braucht ein Router einen Eintrag mehr. Der Bericht weist auch auf die wachsende Zahl direkt adressierfähiger Mobilnetze hin, die etwa in Flugzeugen, Zügen oder anderen möglichen Verkehrsmitteln den Internet-Zugang ermöglichen. Mit dem bevorstehenden Adressreichtum durch den neuen Standard IPv6 könnte das Wachstum weiter angekurbelt werden.

"Nach den neuesten Hochrechnungen verdoppelt IPv6 nahezu die in einem Router abzuspeichernde Anzahl von Routen – und IPv6-Routen brauchen wegen der größeren Adressen etwas mehr Speicher," sagt Braintec-Geschäftsführer Hans Peter Dittler, langjähriges IETF-Mitglied und stellvertretender Vorsitzender des deutschen Chapters der Internet Society (ISOC). Nachdem im vergangenen Herbst auch noch die IP-Adresssen-Registry ARIN (American Registry for Internet Numbers) damit begonnen hat, providerunabhängige Adressblöcke auszugeben, bekommt Multihoming noch einmal einen Schub. Ursprünglich habe man gehofft,so Dittler, bei IPv6 Multihoming anders zu realisieren, etwa durch intelligentes Renumbering. Doch bislang gebe es keine solche Lösung.

Panik hält Dittler dennoch für unangebracht. Zum einen betreffe das Problem im Wesentlichen die großen Backbone-Router. Kleinere Internet-Dienstleister oder gar private Nutzer könnten das Gros der Routen einfach zu ihrem Backbone-Provider "hochschubsen". Der ADSL-Router des Telekom-Kunden habe eine einzige Route, nämlich die nach draußen. Alles andere werde vom Provider besorgt. Letzterer aber kann sich möglicherweise auch die Nachrüstung seiner Router leisten. Dittler zufolge hat Ex-IAB-Chef Fred Baker klar gemacht, dass man die zukünftigen Router so groß bauen könne, wie es die Betreiber zu bezahlen bereit seien.

Die IETF-Arbeitsgruppen sollen nun möglichst andere Lösungsszenarien entwerfen. Eine der diskutierten Möglichkeiten wäre eine geographische Zuordnung der frei vergebenen Adressblöcke. Statt die Route der entsprechenden deutschen Nutzer direkt zu speichern, könnte der Umweg über das De-CIX-Dach gewählt werden und schon hätte man Routen gespart. Begeistert davon ist Dittler nicht: "Ich könnte dann als Kunde in Karlsruhe nicht ohne weiteres von der DTAG zur France Telecom wechseln." Zudem könnte eine solche geopolitische Struktur des Adressierungssystems überwachungsfanatischen Politikern in die Hände spielen.

(Monika Ermert) / (psz)