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Rücksturz zur Erde: 50 Jahre Raumpatrouille Orion

Am 17. September 1966 um 20:15 Uhr: Commander Cliff Allister McLane und die Besatzung der Orion landen verwegen, aber befehlswidrig auf dem Mond Rhea. Der Rest ist deutsche Fernsehgeschichte. Eine Hommage.

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Rücksturz zur Erde: 50 Jahre Raumpatrouille Orion

Ausschnitt aus dem Schallplatten-Cover des Soundtracks

(Bild: Philips)

Science Fiction ist ein weitgehend unbekanntes Metier im deutschen Fernsehbetrieb, als am 16. März 1965 in der Bavaria Film, München, die Dreharbeiten zu einem Siebenteiler beginnen. Der trägt den sperrigen Namen "Raumpatrouille - die phantastischen Abenteuer des Raumschiffes Orion" und verschlingt pro Folge die für damalige Verhältnisse ungeheure Summe von 360.000 DM (etwa 720.000 Euro inflationsbereinigt).

Der Stab ist spektakulär: Dietmar Schönherr, Eva Pflug, Benno Sterzenbach, Charlotte Kerr und Franz Schafheitlin, um nur einige zu nennen, sind Schauspieler von Gewicht. Mit Rolf Zehetbauer steht zudem einer der besten deutschen Filmarchitekten (Enemy Mine, Das Boot, Die unendliche Geschichte) zur Verfügung. Als Komponist wird Peter Thomas (u. a. Jerry Cotton, Edgar Wallace, Derrick) verpflichtet.

50 Jahre Raumpatrouille Orion (7 Bilder)

Die Crew: Armierungsoffizier Mario de Monti, Orion-Komandant Cliff Allister McLane, GSD-Sicherheitsoffizier Tamara Jagellovsk, Astrogator Atan Shubashi und die für Raumüberwachung zuständige Helga Legrelle. Bordingenieur Hasso Sigbjörnson treibt sich auf dem Maschinendeck herum. (Bild: Bavaria Film/WDR)

Seinen schrägen, aber eingängigen Soundtrack schreibt er für Tanzorchester. Durch geschickte Arrangements und den Einsatz sphärischer Orgeln erzielt Thomas jedoch einen sehr "spacigen" Sound. Unvergessen auch der futuristische Tanz "Galyxo", den man im submarin gelegenen "Starlight Casino" aufs Pakett bringt , in dem jedes erfolgreiche Abenteuer feucht-fröhlich abgeschlossen wird.

So treffen fantastische Zukunftsgeschichten auf ein spielfreudiges Ensemble, ein spektakuläres Set auf originelle Ausstattungsdetails, und die exzellente Kamera-Arbeit in Schwarzweiß erhält Unterstützung durch für damalige Verhältnisse sensationelle Tricktechnik. Dem Publikum gefällt's, die Serie erzielt Einschaltquoten von bis zu 60 Prozent! Die erste Folge von Star Trek ("The Man Trap") wurde gerade einmal neun Tage zuvor in den USA ausgestrahlt. In Deutschland sind Captain Kirk und Co. zu dem Zeitpunkt noch völlig unbekannt – auch bei den Machern der Raumpatrouille.

Der Tanz "Galyxo", ebenso legendär wie die Begriffe Rücksturz, Omikronstrahlen, Overkill und Astroscheibe.

Die politische Avantgarde ist weniger begeistert. Sogar als faschistoid wird die Serie wegen ihres ausgeprägten Militarismus' geschmäht. Das wirkt aus heutiger Sicht überzogen. Aber tatsächlich obliegt die Problemlösung oft dem Militär sowie dem Galaktischen Sicherheitsdienst (GSD) mit seinem charismatischen Mastermind Oberst Villa. Treten doch einmal Vertreter der Weltregierung auf, handelt es sich um blasse Figuren mit wenig Biss ("Die Regierung erwartet die Vorschläge der Militärs!", Kampf um die Sonne).

So sind die Lösungsansätze gerade im Konflikt mit den außerirdischen Frogs eindimensional: Draufhauen! Stets gelingt es dem schneidigen McLane mit seiner tollkühnen Crew die technologisch hoch überlegenen "Fabelwesen" zu übertölpeln: Sei es durch Vergiften mit Sauerstoff oder Pulverisieren der gegnerischen Basis mit der Superwaffe "Overkill". Kommunikationsversuche werden gar nicht erst unternommen. Wie auch, unterhalten sich die Gallert-Kameraden doch per Funk in unverständlichen Dreiergruppen, die der Menschheit bislang nicht untergekommen sind. Schade eigentlich, denn man hätte doch zu gerne gewusst, warum sich die luftscheuen Gesellen ausgerechnet Terra einverleiben möchten.

Fehlte in fast keiner Folge: Der Wasserstart der Orion

Zur Ehrenrettung: Vor den militärischen Hauruck-Lösungen wird ordentlich diskutiert. "Die Raumpatrouille" ist da ziemlich deutsch. In der ersten Folge obliegt es Geheimdienstchef Villa, die Generalität zur Besonnenheit zu mahnen: "In einem Kosmos, dessen Anzahl von Milchstraßensystemen wir noch nicht einmal annähernd schätzen können, werden Sie ja nicht erwarten, dass unsere Vorstellungen von guten Manieren allgemein verbindlich sind." Oberst Villa, bei aller Gedankenkühle ein Idealist, ein Pazifist des Weltraums, wie Commander McLane einmal anmerkt

Darf natürlich nicht fehlen: Das berühmte Bügeleisen

(Bild: Bavaria Film/WDR)

Während über die putzigen Ausstattungsdetails vom Designer-Bleistiftanspitzer über Luxus-Badezimmerarmaturen bis hin zu Bügeleisen, Garnrollen und Plastikbechern viel geredet und gern gelächelt wird, bleiben die wissenschaftlichen Volten oft unbeachtet. So versteigt sich Astrogator Shubashi in die kühne Behauptung "Vielleicht sind sie reaktionsmüde!", als er in "Deserteure" das Verhalten der zunächst teilnahmslosen und kurz darauf randalierenden Roboter zu deuten versucht. Ebenfalls erstaunlich sind die Erklärungen, warum Roboter Menschen in die unterirdischen Minen des Mondes Pallas gesperrt haben: Da die "Konservenknülche" (McLane) mitansehen mussten, wie sich Menschen gegenseitig umbringen, sind die in ihnen verankerten Robotergesetze durcheinander geraten. Das Programm der Roboter hat sich vor Verzweiflung invertiert; sie tun das Gegenteil von dem, was sie eigentlich sollten. Erfreulicherweise lässt sich dieses Missgeschick durch eine kurze Magnetbandkorrektur (Umschalten von Y18 auf Y17) nach gut 60 Minuten beheben. Zu sehen in "Hüter des Gesetzes".

Unvergessen der Navigationscomputer in Form eines elefantösen Fabergé-Eis. Dieses Wunderwerk der Technik sendet in "Deserteure" sogenannte Telenose-Strahlen an die Besatzung, die daraufhin willenlos AC-1000 programmiert, den Vorposten der Frogs. Und das geht so: "Den Frogs ist es gelungen, die diamagnetische Abschirmung unseres Rechengehirns zu durchbrechen. Dadurch konnten über den Computer fremde Gedankenmuster in unser Bewusstsein eingeschleust werden.", weiß der mitreisende Prof. Sherkoff. Das ist angesichts der technischen Überlegenheit der Frogs zwar rührend umständlich, aber zweifellos eine prophetische Vorausnahme des modernen Cyberwars.

Legendär ist das oszillierende Frauenbild der Serie. Commander McLane ist zwar ganz Galan der alten Schule, aber auch Chauvi erster Klasse – James Bond lässt grüßen. Die Damen erliegen in kürzester Zeit dem Charme des feschen Raumschiffkommandeurs; Leutnant Helga Legrell, an Bord zuständig für die Raumaufklärung, ist dauerverliebt. Sogar Tamara Jagellovsk, der herben Sicherheitsdame vom GSD, ließen die Drehbuchautoren zuletzt keine andere Wahl, als mit McLane im Sitzungssaal heiße Küsse auszutauschen ("Du Schuft!", Helga Legrell). Einzig zu seiner (ehemaligen) Vorgesetzten General Lydia van Dyke hat McLane ein respektvolles, freundschaftliches Verhältnis.

Typisch für den Spagat zwischen Selbstironie und Spießigkeit ist die Folge "Kampf um die Sonne". Die Erde leidet unter enormer Hitze, hervorgerufen durch Sonnenexperimente des Planeten Chroma. Dort haben Frauen das Sagen. Männern bleibt das Gärtnern, Tüfteln und Marschieren. "Außerdem können sie wesentlich dazu beitragen, das Leben angenehm zu machen", flötet die Assistentin der Chroma-Chefin.

Nachdem Major McLanes Charme-Offensive bei dieser nicht zündet, versucht er sich in seiner Paradedisziplin, dem Wutanfall. Es fallen Worte wie "Zierpflanzenkäfig", "Amazonenzirkus" und "Gartenzwergstrafkompanie". Als sich McLane für seinen Ausfall entschuldigt und etwas verlegen murmelt: "Ich weiß nicht, was ich sagen soll ...", entgegnet die Chroma-Chefin: "Vielleicht schreien Sie wieder ein bisschen?"

Doch es hilft nichts, auch sie kann schließlich nur klein beigeben, denn es droht ein fataler Schlag terrestrischer Raumverbände. Als kleine Rache muss McLane auf Chroma verweilen, um Offizierslehrgänge abzuhalten. "Vielleicht haben wir es mit der Betonung des Weiblichen ein bisschen übertrieben", säuselt "Sie" süffisant. Ironie oder gesellschaftspolitisches Statement? Wer weiß.

Nachdem die Besatzung der Orion einen dramatischen Invasionsversuch der Frogs abwehren kann, ist nach sieben Folgen Schluss mit der Raumpatrouille. Cliff Allister McLane wird zum Oberst befördert und seiner alten Vorgesetzten General Lydia van Dyke bei den "Schnellen Kampfverbänden" unterstellt.

Der Produktionsfirma war das Ganze inzwischen viel zu teuer, der Sender traute sich nach der scharfen Kritik nicht, weitere Folgen in Auftrag zu geben. Außerdem fehlte es an guten Drehbüchern, behaupten andere.

Rücksturz zum Briefkasten: Die Post feiert die Orion mit einer Sondermarke.

(Bild: Deutsche Post)

So bleibt Orion-Freunden nur, in alten Folgen zu schwelgen, die es in allen Formaten gibt, beispielsweise auf DVD, bei iTunes oder über Amazon Prime Video. Von der ursprünglichen Bildqualität des 35-mm-Films ist leider nicht mehr viel übrig.

Der 2003 erschiene Kinofilm "Rücksturz ins Kino" entpuppte sich als eher mäßig origineller Zusammenschnitt der alten Folgen zu einer neuen Handlung. Dafür gibt es eine empfehlenswerte Hörbuch-Edition von Schall & Wahn, das verdeutlicht, wie textlastig, fast kammerspielartig "Die Raumpatrouille" oft angelegt ist. Das ultimative Fan-Item gibts bei der Deutschen Post: Am 1. September erschien eine 145er Sondermarke zum fünfzigsten Jubiläum der Raumpatrouille. Sozusagen Rücksturz zum Briefkasten!

Mancher Fan würde sich wünschen, dass die Orion wie in diesem Fan-Trailer noch mal abhebt ... auch wenns dort etwas klinisch rein zugeht.

(vza)

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