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Ruf nach Veröffentlichung der Snowden-Papiere wird lauter

Der Bibliotheksforscher Ben Kaden plädierte auf einer Konferenz dafür, die bereits öffentlich zugänglichen NSA-Dokumente als Buch herauszubringen und so besser zu erschließen. Andere fordern die Publikation des gesamten Snowden-Materials.

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Die tröpfchenweise Enthüllung einzelner Facetten des NSA-Skandals stößt Beobachtern zufolge an aufmerksamkeitsökonomische Grenzen. Der "ernüchternde Wendepunkt", den die geheimdienstliche Massenüberwachung für die westliche Gesellschaft darstelle, habe bislang vergleichsweise wenig öffentliche Reaktionen ausgelöst, konstatierte Ben Kaden vom Zentrum Technik und Gesellschaft der TU Berlin am Samstag auf der Konferenz "Slow Politics" der "Berliner Gazette". Der bisherige politische und mediale Diskurs sei recht abstrakt geblieben für die allgemeine Öffentlichkeit und habe "keinen nachhaltigen Effekt" entwickelt.

Der Bibliotheksforscher Ben Kaden macht sich für eine kollektive Verarbeitung und Verbreitung der Snowden-Papiere stark.

(Bild: Stefan Krempl)

Der Bibliotheks- und Informationswissenschaftler macht sich daher für eine kollektive Verarbeitung und Verbreitung der Papiere des NSA-Whistleblowers Edward Snowden über eine neutrale Plattform stark. Ideal dafür wäre seiner Ansicht nach eine öffentliche Bibliothek, da diese Institution als vertrauenswürdig gelte und keine kommerziellen Interessen verfolge. Ferner biete sie eine breite Palette an vermittelnden Funktionen zum kollaborativen Erschließen des Materials etwa durch Indexieren oder Annotieren.

Auch digitale Instrumente wie Crowdsourcing könnten dem Forscher zufolge in die Aufbereitung einer solchen "Snowden-Allmende" einbezogen werden. Fachleute würde es so etwa möglich, in Anmerkungen zu erläutern, was gewisse Passagen der im Geheimdienstjargon verfassten und mit zahlreichen Akronymen gespickten Dokumente bedeuteten.

Die Snowden-Papiere gehören für Kaden zum Kulturerbe, sodass sie für die Öffentlichkeit nutzbar sein und archiviert werden müssen. Dies ergebe sich hierzulande etwa aus Artikel 5 Grundgesetz zur Informationsfreiheit. Man könne als Begründung für die Forderung auch den Open-Access-Gedanken heranziehen: Ähnlich wie mit staatlichen Mitteln geförderte wissenschaftliche Forschungen würden auch Geheimdienste mit öffentlichem Geld finanziert. Es sei daher angebracht, die Dokumente in den Besitz der Allgemeinheit zu überführen.

Eine öffentliche Bibliothek böte den Papieren einen sicheren Hafen für deren Zugänglichkeit auch für künftige Generationen, führte der Forscher aus. Sie könnte als Anlaufstelle für neue Formen der "zivilen Aufklärung" fungieren, um die Überwachung durch die Geheimdienste durch ein gesellschaftliches Projekt zu erwidern.

Den Auftakt für dieses Experiment sollte laut Kaden die Zusammenfassung und Veröffentlichung des bisher von Snowden-Vertrauten und Medienorganen online gestellten Materials als Buch machen. In dieser Form seien die Dokumente "akzeptabel" für eine Bibliothek, während einzelne Downloads nicht in die Kategorie dort publizierbarer Stoffe fielen. Damit würden zumindest rund fünf Prozent des gesamten Snowden-Fundus für die Allgemeinheit bewahrt und offiziell der Begutachtung und weiteren Vermittlung geöffnet. Noch unklar sei der Copyright-Status der Unterlagen, mit rechtlichen Problemen in diesem Hinblick sei aber kaum zu rechnen.

Der Amsterdamer Medienprofessor Geert Lovink schlägt vor, den gesamten Schatz des NSA-Whistleblowers öffentlich zu machen.

(Bild: Wikipedia)

Der Amsterdamer Medienprofessor Geert Lovink ließ keinen Zweifel daran, dass seiner Meinung nach mittelfristig der gesamte Schatz des NSA-Whistleblowers öffentlich gemacht und archiviert werden müsse. Eine solche Herangehensweise habe eine ganz andere Reichweite als die globale 24-Stunden-Nachrichtenmaschinerie. "Journalisten wollen Schlagzeilen und Politik machen", befand der Gründer des Institute of Network Cultures. Es gelte aber, langfristiger zu denken.

Die Snowden-Papiere bieten laut Lovink einzigartige Einsicht in einen "informations-militärischen Komplex im Werden": Sie zeigten etwa auf, "wer die Akteure sind und welche Technologien sie nutzen". Darüber hinaus machten sie unterschiedliche Auswirkungen der Überwachung auf einzelne Länder oder Regionen deutlich und wer persönlich, als Gruppe oder Gesellschaft betroffen sei. Zusammengenommen sei dies "für alle investigativen Journalisten weltweit über Jahrzehnte hinweg interessant".

Ein einschlägiges Archiv sollte auch bereits veröffentlichte einschlägige Papiere von Wikileaks sowie des New Yorker Cryptome-Aktivisten John Young enthalten, unterstrich der Niederländer. Nur so werde eine Gesamtschau der geheimdienstlichen Entwicklung möglich. Position beziehen müssten die Beteiligten zu Fragen einer redaktionellen Überarbeitung, um gegebenenfalls sensible personenbezogene Informationen auszusieben. Persönlich hält er wenig vom großen Schwärzen, wie es hierzulande die Bundesregierung im NSA-Untersuchungsausschuss betreibt: "Wir reden über allgemeine Überwachungsverfahren und Daten, die wir selbst kreiert haben, nicht über individuelle Spionagefälle."

Der kanadische Kulturwissenschaftler Max Haiven fordert eine "Treuhandgesellschaft für Big Data".

(Bild: Stefan Krempl)

Das von den Hütern des Fundus zu hörende Argument, dass das Material für eine unvermittelte Publikation zu komplex sei, tat Lovink als an den Haaren herbeigezogen ab. Darüber sollte seiner Ansicht nach die Öffentlichkeit selbst entscheiden. Sie sei dazu auch besser in der Lage als ein auserwählter kleiner Kreis.

Eine andere Form einer allen offen stehenden Allmende brachte der kanadische Kulturwissenschaftler Max Haiven ins Spiel. Er forderte eine "Treuhandgesellschaft für Big Data". Daten, die etwa beim Nutzen von Suchmaschinen anfielen, seien ein öffentliches Gut. Konzerne wie Google dürften daher nicht allein das Recht haben, darin zu schürfen und so "viel Macht" über die Betroffenen auszuüben. Es müssten neue Wege gefunden werden für die User, ihre eigenen Informationen wiederzubekommen. Auch Algorithmen und sonstige Werkzeuge und zum "Kultivieren" und Durchforsten der enormen Datenberge seien als Gemeingut zu behandeln. (se)