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Russland will GPS nicht mehr unterstützen

Seit Jahren leistet Russland Hilfe bei Qualitätskontrollen der GPS-Satellitennavigationssignale. Umgekehrt verweigern die USA aus Angst vor Spionage aber den Aufbau von GLONASS-Bodenstationen auf eigenem Territorium. Das will Moskau nicht mehr hinnehmen.

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Das Verhältnis zwischen den USA und Russland kühlt wegen der Krise in der Ukraine immer weiter ab. Betroffen von der neuen Eiszeit sind inzwischen auch große Technologieprojekte. So kündigte der stellvertretende Ministerpräsident der Russischen Föderation, Dmitry Rogozin, unlängst an, die Zusammenarbeit mit den USA beim Betrieb der Internationalen Raumstation (ISS) zum Jahr 2020 einstellen zu wollen. Geplant war eigentlich eine Kooperation bis 2024.

Rogozin, den die USA und die Europäische Union wegen "Beteiligung an einer Destabilisierung der Ostukraine" mit persönlichen Sanktionen in Form von Kontensperren und Reisebeschränkungen belegt haben, erklärte außerdem, die Nutzung des US-amerikanischen Satellitennavigationssystems GPS (Global Positioning System) auf russischem Territorium nicht weiter unterstützen zu wollen.

Verteilung der Bodenstationen des russischen "System of Differential Correction and Monitoring" (SDCM). In den USA sollten eigentlich fünf weitere SDCM-Stationen gebaut werden – doch aus Angst vor Spionage wird daraus vorerst nichts..

Zwar weiß auch der frühere NATO-Botschafter Russlands, dass der Empfang von GPS-Signalen nicht flächendeckend unterbunden werden kann. Im Visier hat Rogozin aber Referenzstationen des sogenannten "System of Differential Correction and Monitoring" (SDCM), mit dem Russland nicht nur die Qualität von Navigationssignalen der eigenen GLONASS-Satelliten (derzeit 24 im Betrieb, vier in Reserve, ein Testsatellit) überprüfen und gegebenenfalls optimieren kann – sondern eben auch die von GPS-Satelliten.

Das SDCM arbeitet ähnlich wie das für GPS entwickelte "Wide Area Augmentation System" (WAAS) und sein europäisches Pendant EGNOS (European Geostationary Navigation Overlay Service): Spezielle Empfangsstationen, deren Standorte bis auf wenige Zentimeter bekannt sind, werden genutzt, um mögliche Störfaktoren wie Signalverzerrungen in der Ionosphäre oder Umlaufbahnschwankungen der Navigationssatelliten zu ermitteln. Diese Daten werden dann als zusätzliche Korrektursignale über unabhängige geostationäre Satelliten ausgestrahlt und ermöglichen Anwendern eine deutlich höhere Navigationsgenauigkeit.

Über die Verarbeitung eines zusätzlichen Korrektursignals kann die Positionsbestimmung erheblich verbessert werden.

Russischen Angaben zufolge existieren derzeit rund zwei Dutzend SDCM-Bodenstationen weltweit – 19 davon auf dem Gebiet der russischen Föderation. Im Zuge einer globalen Nutzung von GLONASS benötigt Russland aber deutlich mehr Monitoring-Stationen und fragte deswegen auch bei der amerikanischen Regierung an. US-Präsident Barack Obama verweigerte der russischen Raumfahrtbehörde Roskosmos aber Ende 2013 die Installation von Bodenstationen auf amerikanischem Gebiet.

Der Entscheidung waren Einwände des US-Verteidigungsministeriums sowie der Geheim- und Nachrichtendienste der Vereinigten Staaten vorausgegangen. Sie befürchten unter anderem, dass die Stationen für "Spionage gegen die USA" genutzt werden könnten. In einem von Obama unterzeichneten Gesetz wurde festgehalten, dass entsprechende Bodenstationen nur dann genehmigt werden könnten, wenn der US-Kongress davon überzeugt sei, dass die Einrichtungen nicht für Spionagezwecke und nicht für die "Aufwertung fremder Waffensysteme" genutzt würden.

Für Russland, das einer friedlichen Nutzung des GPS-Systems nie im Weg stand, kam diese Entscheidung einem Affront gleich – und die Ankündigung von Vizepremier Rogozin, die Integritätsbeobachtung des konkurrierenden Satellitensystems jetzt zu stoppen, erscheint vor dem geschilderten Hintergrund nachvollziehbar. Ab 1. Juni sollen zunächst elf Bodenstationen auf russischem Gebiet keine Daten mehr zu amerikanischen GPS-Satelliten liefern. Lenken die USA nicht ein, sollen die Dienste im September dann komplett eingestellt werden.

Zivile Nutzer von Navigationssystemen dürften von den Streitigkeiten indes wenig mitbekommen, insbesondere dann nicht, wenn sie Geräte nutzen, die sowohl Navigationssignale von GLONASS- als auch von GPS-Satelliten empfangen können. Russland will sein Netz an Bodenkontrollstationen für GLONASS bis zum Jahr 2020 auf rund 50 Standorte weltweit ausbauen. Mit im Boot soll dann auch der Iran sein: Russische Zeitungen meldeten am Dienstag, iranische Regierungsvertreter hätten bereits im April ihre Bereitschaft zur Installation von SDCM-Elementen erklärt. Noch eine Entwicklung, die den USA nicht sonderlich gefallen dürfte. (pmz)

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