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SCO vs. Linux: Monterey wirft Fragen auf

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In dem Streit mit IBM um angeblich unrechtmäßig aus Unix System V in Linux übernommenen Code hat die SCO Group auf Aussagen von IBM reagiert und zur historischen Entwicklung Stellung genommen. Streitpunkt ist dabei die Frage, ob SCO vor der Bekanntgabe des gemeinsam in Angriff genommenen Monterey-Projektes am 26. Oktober 1998 wusste, das IBM sich mit Linux beschäftigte. Sollte SCO der Nachweis gelingen, dass IBM damals sein Interesse an Linux verschleiert hat, wäre eine Möglichkeit vorhanden, über den Vorwurf der arglistigen Täuschung durch einen Geschäftspartner weiter zu verhandeln und die Klage gegen IBM von den bisher behaupteten, doch niemals bewiesenen Copyright-Verletzungen oder den Verletzungen von Warengeheimnissen abzukoppeln. So heißt es in der Eingabe von SCO, dass man nichts von IBMs Linux-Plänen wusste und dass man daher "IBM beschuldigt, vor und während der Arbeit am Projekt Monterey solche auf Linux bezogenen Investments und die eigentlichen Intentionen in Bezug auf Linux vor SCO geheimgehalten und falsch dargestellt zu haben".

Das Projekt Monterey, das ein Jahr nach seiner Ankündigung den ersten Meilenstein erreicht hatte, wurde von IBM, Intel, Sequent und der alten Firma SCO gegründet, die seinerzeit SCO Unix vertrieb. Die heute klagende SCO Group hieß damals Caldera und stand im Gegensatz zu den Teilnehmern am Projekt Monterey. Eine Pressemeldung von Caldera Deutschland aus dem Jahre 1997 beschrieb die Lage am Markt: "Die 1994 aus dem Ray Noorda Family-Trust hervorgegangene Caldera entwirft, entwickelt und vertreibt mit allen Features ausgestattete wirtschaftliche System-Software für das Internet. Die Produkte stellen eine hochwertige und stabile Alternative zu Windows NT, Sun Solaris, AIX und SCO Unix dar. Caldera nutzt eigene Technologie- und Marketing-Ressourcen, um Technologien, wie beispielsweise das Betriebssystem Linux, das von unabhängigen Entwicklern geschaffen wurde, hervorzuheben."

Während der Arbeit am Projekt Monterey erweiterte IBM mit mehreren öffentlichen Ankündigungen seine Unterstützung von Linux. Auch SCO bastelte neben dem Projekt Monterey an einem eigenen Linux und portierte mit Tarantella das wichtigste Produkt nach Linux. Während IBM noch im Juni 2000 die Linux-Kompatibilität des Projekts Monterey ankündigte, kam bereits im August von IBM die Ankündigung, dass das Projekt eingestellt wird. Diese Ankündigung erfolgte genau 20 Tage, nachdem Caldera das Traditionshaus SCO übernommen hatte. Dass zu diesem Zeitpunkt bei den Übernahme-Verhandlungen niemand von IBMs Linux-Plänen wusste, erscheint daher mehr als unwahrscheinlich, zumal Caldera und SCO noch im April 2001 eine eigene Version von AIX 5L ankündigten, ohne dass dies auf den Einspruch von IBM stieß.

Ob die heutige SCO Group mit der geschminkten Darstellung der Vorgeschichte vor Gericht Erfolg hat, hängt davon ab, wie das heutige Management die Übernahmeverhandlungen von Caldera mit der alten SCO darstellen kann. An einer genauen Darstellung der Vorgeschichte dürfte niemand von der SCO Group interessiert sein. Nach dem öffentlich bekundeten Willen des Investors Baystar Capital wird die ehemals Software produzierende Firma SCO derzeit zu einem Unternehmen umgebaut, das sich auf die Verteidigung seines vermeintlichen geistigen Eigentums spezialisiert. In diesem Zuammenhang hat SCO nun begonnen, die Belegschaft von zuletzt 275 Mitarbeitern zu verringern. Wie bekannt wurde, soll zunächst nur eine "kleine Anzahl" von Mitarbeitern betroffen sein. SCO-Sprecher Blake Stowell erklärte gegenüber der eWeek, die Maßnahme sei Teil eines Paketes, mit dem man im nächsten Quartal profitabel sein werde.

Zu den Entwicklungen im Streit zwischen SCO, IBM und der Open-Source-Gemeinde siehe Bericht auf c't aktuell (mit chronologischer Linkliste zu Beiträgen auf heise online, c't und Technology Review):

(Detlef Borchers) / (anw)