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SIGINT: Depressionen und Hackerethik

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Was tun, wenn die Arbeit einfach zu viel wird? Auf der Kölner Konferenz SIGINT des Chaos Computer Club sprachen Hacker darüber, wie man mit Überlastung und Depressionen umgehen kann. Auch eine neue Hackerethik wurde beraten.

"Ihr kennt das: Man hat ein Projekt, es wird zum Selbstläufer und es wird immer mehr Arbeit", erklärte Netzaktivist Stephan Urbach in Köln. Er hatte im vergangenen Jahr zusammen mit der Gruppe Telecomix für Aufsehen gesorgt, die im Rahmen des "arabischen Frühlings" Kommunikationswege jenseits der Zensur autokratischer Regime aufbaute. Doch im August 2011 war erst einmal Schluss: Die Gruppe erklärte auf dem Chaos Communication Camp ihre Arbeit für beendet. In seinem Blog erklärte Urbach kurze Zeit später das abrupte Vorgehen: Er litt unter schweren Depressionen und hatte bereits seinen Tod geplant.

"Wir wurden teilweise als Helden gefeiert. Dabei waren wir einfach nur ein paar Jungs, die mit Technik herumspielen wollten", fasste Urbach in Köln zusammen. Die kleine Gruppe mit zehn Mitgliedern hatte im Kampf gegen die autoritären Regime zwar immer wieder Achtungserfolge erzielen können, das Feedback der Community und die Unterstützung war jedoch gering. Hinzu kam der emotionale Stress, mit Menschen zu kommunizieren, die kurze Zeit später verschwunden oder tot sein konnten. Zum Schluss sei der Druck zu groß geworden. "Wir haben eigentlich nur nach Hilfe geschrien", sagt Urbach.

Wie Urbach geht es vielen Hackern, wie CCC-Mitglied Jens Ohlig betonte. Immer wieder wird die Community der Hacker von Nachrichten über Selbstmorde erschüttert. Oft fühlten sich die Betroffenen allein mit ihren Problemen, versteckten ihre Depressionen vor ihrem Umfeld. "Es ist leichter zu sagen, man hat Schnupfen oder Asthma, als dass etwas in der Seele verklemmt ist und geradegerückt werden sollte."

Beide betonten, dass in schweren Fällen kein Weg an professioneller Hilfe vorbeiführe. Freunde könnten Betroffene zwar unterstützen, sie aber nicht therapieren. "Im Vergleich zu anderen Krankheiten sind die Heilungschancen gar nicht so gering", sagte Ohlig. Vor Selbstmedikation oder laienhaften Hilfsversuchen rieten beide aber ab. Auch die Angst, durch Therapien und Medikamente manipuliert zu werden, sei unbegründet.

Um die Spirale der Überlastung zu durchbrechen, müssten Hacker mit einigen Gewohnheiten brechen. "Es ist nicht OK, erst aufzustehen, wenn die Sonne wieder untergeht", sagte Ohlig. Urbach erzählte, wie er mit einem geregelten Tagesablauf und einer Trennung zwischen Projekten und Privatleben sein Leben wieder mehr in den Griff bekommen habe. Dinge immer weiter aufzuschieben sei oft fatal: "Wir haben die Prokrastination kultiviert", sagte der Aktivist. "Das ist aber nicht gut. Irgendwann prokrastiniert ihr Euch selbst". Auch der persönliche Umgang in der Hackergemeinde müsse verbessert werden, um zu erkennen, wenn jemand Hilfe brauche und um einander mehr konstruktive Unterstützung zu geben.

Ähnliche Gedanken spielten auch beim Vortrag von Jürgen Geuter eine Rolle, der die Entwicklung einer neuen Hackerethik vorschlug. Die bisher vom CCC veröffentlichte Hackerethik sei in die Jahre gekommen und zu missverständlich. "Dadurch, dass viele Menschen nicht in einem physischen sozialen Umfeld groß werden, haben wir noch mehr Verpflichtung unsere Regeln in einer benutzbaren Form aufzuschreiben", sagte Geuter. So könnten auch Bewegungen wie Anonymous diese Regeln heranziehen.

Als Axiome schlägt Geuter vor, Daten als neutrale Objekte zu definieren und das Grundrecht auf Kommunikation eines jeden Menschen zu respektieren. Damit spricht sich Geuter ausdrücklich gegen die alljährlich zum Chaos Communication Congress stattfindenden Massenhacks von Naziseiten aus. Die Kommunikationskanäle anderer dürfen nach Auffassung Geuters nie zerstört werden.

Gegen das Burn-Out-Syndrom schlägt Geuter zwei Regeln vor: "Kümmere Dich um die anderen Hacker" und "Hab Spaß, sei kreativ, sei eine Kraft der positiven Veränderung". Den aktuellen Anwerbeversuchen durch Militär und Geheimdienste setzt er die Regel entgegen "Lass Dich nicht als Werkzeug missbrauchen." Bei den Besuchern der SIGINT stießen die Formulierungen nicht auf ungeteilte Zustimmung. Geute hat die Thesen in einem Etherpad zur Diskussion freigegeben und will weiter an der Entwicklung einer neuen Hackerethik arbeiten. (anw)

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