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SIGINT in Köln: Daten, Freiheit, Raum

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Wie hängt die "Welt der Atome" mit der "Welt der Bits" zusammen? Nach welchen Regeln funktionieren beide Welten und wie kann man sie manipulieren? Diesen Fragen geht die Konferenz SIGINT des Chaos Computer Club (CCC) nach, die am Samstag in Köln begonnen hat.

Blogger Michael Seemann versuchte in seiner Keynote ein neues "erkenntnisleitdendes Paradigma" zu etablieren, das den Netzbürgern helfen soll, politische Positionen zu bewerten und eigene Standpunkte beziehen. Problematisch sei besonders der Freiheitsbegriff, der von den verschiedenen Parteien sehr verschieden interpretiert wird – so brüstete sich Steve Jobs beispielsweise, seinen Kunden die Freiheit von Pornos verschafft zu haben. "Freiheit ist im Zweifel die Freiheit des Stärkeren die Freiheit abzuschaffen", schildert Seemann das grundsätzliche Problem, Apple baue eine "Plattform, die die Kunden gängeln will". Auch andere Anbieter sind in der Kritik: So wird derzeit diskutiert, ob Facebook aufgrund seiner Vormachtstellung wie eine Infrastruktur-Anbieter reguliert werden sollte.

Nach Seemanns Aufassung kann das Konzept der Plattformneutralität Orientierung für diese substantiellen Fragen bieten. Dafür überträgt er die Prinzipien des von Jürgen Habermas postulierten herrschaftsfreien Dialogs auf die Netzwelt. Deren zentraler Punkt ist, dass jeder die gleiche Chancen bekommt, Dialoge zu starten und sich daran zu beteiligen. Davor stehen laut Seemann große gesellschaftliche Umwälzungen: So plädiert er für ein bedingungsloses Grundeinkommen und für eine Abschaffung des Urheberrechts. "Das Resultat von Plattformneutralität wäre ein radikal entfesselter Markt der Ideen und Informationen", glaubt Seemann.

Wie stark das Internet die gesellschaftliche Identität bereits verändert hat, erläuterte Christian Heller in seinem Vortrag über Identitätskriege. Wo vorher klar umrissene Gruppen miteinander um Identitätsmerkmale und Abgrenzung kämpften, habe das Internet die Fronten aufgeweicht: Nunmehr fänden sich die Identitäten in eher "amorphen Netzwolken" wieder. Das Internet habe die Identitätsmerkmale vervielfacht, statt zu isolieren, integriere es viele Gruppen. So verwies Heller auf eine Fetisch-Community, die acht verschiedene Geschlechts-Optionen zulässt, während Facebook lediglich die Angabe eines einzigen Lebenspartners ermögliche. Ob diese neuen Möglichkeiten der Identitätsfindung und des Identitätskampfes allerdings zu einem "Kollaps der menschlichen Gesellschaft" führt, wie Heller provokativ formulierte, ist allerdings keinesfalls ausgemacht. Auf alle Fälle werde das Spiel um Identität "besonders prachtvolle Formen" annehmen.

Dass die Daten nicht losgelöst von Materie existieren, daran erinnerte Stefan Merten vom Ökonux-Projekt. "Information braucht ein physisches Substrat", erklärte er, erst durch den Produktionsprozess werde diese Information verfügbar. Nun stelle sich die Frage, ob die durch das Internet entstandene Peer-Produktion von Informationsgütern sich auch auf die physische Welt übertragen lasse.

Einen weiteren Ansatz lieferte der Informatiker und Philosoph Kai Denker. Er verwies darauf, dass das Internet immer wieder als eine Art Raum beschrieben werde. Diese Metapher hat weitreichende Folgen. So habe die ehemalige Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen im Kampf um Internetsperren das Netz mit Unterwelt-Vokabular beschrieben – "Sie zeigte quasi die dunkle Seite des Netzes", so Denker. Durch diese Unterteilunghabe sei eine Parzellierung des Netzes vorangetrieben, die ähnlich mittelalterlichen Wegezöllen oder Quarantäne-Bestimmung zu immer weiteren Einschränkungen führen könne. Der CCC gehe allerdings den gleichen Weg, wenn er Dezentralisierung fordere, da sich hieraus auch wieder eine Struktur ergebe, die die Grenzziehung erlaube. Stattdessen plädiert Denker für die Schaffung eines "glatten Raumes", der sich erst gar nicht parzellieren lasse. (jow)