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SMS helfen auf dem Weg zum Nichtraucher

Mit Kurzmitteilungen über das Handy wollen Schweizer Gesundheitsexperten aufhörwillige Raucher vom Glimmstengel ablenken. Die Präventionskampagne EMOX entstammt einer Idee der Berner Stiftung für Gesundheitsförderung und Suchtfragen und der Swisscom mobile und wird unterstützt von der Gesundheits- und Fürsorgedirektion Bern und der Lungenliga Bern.

Die Schweiz nimmt hinsichtlich des Tabakkonsums europaweit einen der vordersten Plätze ein, rund zwei Millionen Schweizer, und damit 33 Prozent der Bevölkerung zwischen 15 und 74 Jahren, rauchen im Durchschnitt 22 Zigaretten pro Tag. Besonders der Anteil der mindestens wöchentlich Rauchenden bei den 13-Jährigen hat sich seit 1986 in der Schweiz verdreifacht und bei der 15-Jährigen verdoppelt. Deutschland liegt dagegen vom Rauchverhalten her im unteren Drittel.

Zwar will über die Hälfte der aktiv Rauchenden mit dem Rauchen aufhören, doch dabei benötigen sie Hilfestellung. Jeder Fünfte unternimmt einmal im Jahr einen erfolglosen Versuch, von der Zigarette loszukommen. Jüngere Raucher sind dabei eher aufhörwillig als ältere, darunter auch Schüler, die es aus eigener Kraft nicht schaffen. Besonders die ersten Tage nach dem Rauchstopp sind nach Aussage der Berner Experten extrem hart und die Betroffenen suchen eine Alternative zur Zigarette und Ablenkung.

EMOX richtet sich mit seiner Kampagne daher auch in erster Linie an Jugendliche, denen Broschüren zu viel Text enthalten, informative Vorträge zu langweilig, aufwendige Entwöhnungskuren zu teuer und psychologische Hilfe suspekt sind. Die Fun-Gesellschaft, so heißt es auf der EMOX-Website, will trendige, spielerische Ausstiegshilfen.

Verspürt der Aufhörwillige den Drang nach einer Zigarette, schickt er einfach eine SMS-Kurznachricht von seinem Handy an die Nummer 258. Nur kurze Zeit später erhält er eine Frage oder eine witzige Bemerkung als SMS zurückgeschickt, die bei der Swisscom per Zufallsgenerator aus 60 möglichen Antwort-SMS ausgewählt wird. Sprüche wie "Stell Dir vor, Du gewinnst eine Kreuzfahrt auf einem Luxusliner mit lauter 80-Jährigen. Was tust Du?" oder "Stell Dir vor, Julia Roberts erklärt Dir bei der Silvesterparty, daß sie so eine Frisur möchte wie Du. Was sagst Du?" sollen den Benutzer zum Nachdenken anregen und den Griff zur Zigarette verhindern.

Der Service, der im Übrigen kein Abo ist, sondern nur bei Bedarf angefragt wird, kostet pro SMS rund 25 Pfennige und ist damit billiger als eine Zigarette – und gesünder, denn weder schädlicher Teer noch "Ersatzdrogen" wie Schokolade werden konsumiert. Zur Zeit versendet EMOX täglich 400, in Spitzentagen bis zu 1.200 SMS an Aufhörwillige. "Damit ist EMOX der zweitbedeutendste SMS-Versender in der Schweiz", verkündet Projektleiterin Karin Steinmann nicht ganz ohne Stolz. Die 190.000 Mark, die EMOX zur Verfügung stehen, werden jedoch bis Ende März aufgebraucht sein. Ob die Kampagne danach weitergeführt wird, steht noch offen und ist sehr wahrscheinlich vom tatsächlichen Erfolg der Aktion abhängig. Auch das Schweizer Bundesamt für Gesundheit (BAG) steht der Kampagne positiv gegenüber. Für Patrick Vuilleme, Leiter der Abteilung Tabakprävention, ist das Handy ein sehr gutes Medium, um besonders Jugendliche anzusprechen, bedauert aber, daß EMOX nicht in der ganzen Schweiz angelaufen ist.

Die Kampagnenmacher stützen sich mit ihrer Arbeit auf eine Studie aus Großbritannien, die belegt, daß die Zigarette zunehmend vom Handy als LifeStyle und Prestige-Objekt abgelöst wird. Patrick Vuilleme meint, das Handy sei wie auch das Rauchen ein Mittel, um erwachsen und unabhängig zu wirken. Da das Handy ein innovativeres und moderneres Image besitzt und sich viele Jugendliche beides zusammen finanziell nicht leisten können, entscheiden sich immer mehr gegen das Rauchen, so das Ergebnis der beiden britischen Gesundheitsforscher. Sie hatten eine auffällige Korrelation zwischen dem Anstieg der Benutzung von Mobiltelefonen bei britischen Jugendlichen und einem Rückgang des Zigarettenkonsums ausgemacht.

Bei der Deutschen Hauptstelle gegen Suchtgefahren in Hamm ist man dagegen eher skeptisch, was die Schweizer SMS-Lösung angeht. "Ganz ehrlich, wir halten nichts davon" erklärt Geschäftsführer Rolf Hüllinghorst auf Anfrage von c’t. "Unser Problem bei der Sache ist, ob das denn wirklich weiterhilft und wie das weitergeht". Der Suchtexperte sieht in der SMS nur ein Substitut für die Zigarette, aber kein Mittel gegen das Grundübel, das Psychologen als "Störung der Impulskontrolle" bezeichnen und eine allgemeine Suchttendenz in der heutigen Gesellschaft beschreibt. "Wir beeinflussen unser Lebensgefühl und unsere Befindlichkeit immer mehr durch Rauschmittel und Gegenstände wie Handy oder Zigarette und gestalten unser Leben weniger aus uns selbst heraus". Dagegen halten die Suchtforscher aus Hamm die englische Studie für realistisch. Aber auch hier sei das Handy nur ein anderer Ersatz, um der Sucht nachzugeben. (Andreas Grote) / (Andreas Grote) / (wst)

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