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SQL-Slammer beeinträchtigte US-Kraftwerksteuerung

Bereits im Januar hat es eine mehrere Stunden andauernde Störung des primären Steuersystems von US-Stromkraftwerken durch eine Wurm-Attacke gegeben. Das belegt ein Dokument des North American Electric Reliability Council (NERC).

Das NERC wurde 1968 als Reaktion auf den Stromausfall am 9.11.1965 in New York gegründet, um sicherzustellen, "dass das elektrische System in Nordamerika verlässlich, ausreichend und sicher ist". Am 13. August -- also am Tag vor dem großen Blackout -- verabschiedete es einen Standard für Cyber Security (Titel: "Urgent Action - Cyber Security"), der dringenden Handlungsbedarf für das US-amerikanische Stromversorgungssystem attestiert.

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In einem begleitenden Schreiben bat Charles E. Noble (CISSP Information Security, ISO New England) die abstimmungsberechtigten Mitglieder um Zustimmung zu dem Standardisierungsvorschlag und begründete dessen Notwendigkeit mit dem Hinweis auf einen Störfall:

On January 25, 2003 the SQL Slammer Worm was released by an unknown source. The worm significantly disrupted many Internet services for several hours. It also adversely affected the bulk electric system controls of two entities for several hours. These events have been studied in detail. No unintentional control actions and nor service interruptions occured due to these events; however, both entities lost their ability to execute bulk electric system control from their primary control centers for several hours. Those who have studied these incidents believe that at least one would have been prevented had these actions set forth in the proposed standard been taken.

(Am 25. Januar 2003 wurde der SQL-Slammer-Wurm von einer unbekannten Quelle freigesetzt. Der Wurm unterbrach viele Internet-Dienste für mehrere Stunden. Er beeinträchtigte außerdem für mehrere Stunden die Stromnetz-Systemsteuerung von zwei Einheiten. Diese Vorfälle wurden genau untersucht. Es traten infolge dieser Ereignisse weder unbeabsichtigte Steuerungsaktivitäten noch Dienstunterbrechungen auf; doch beide Einheiten verloren für mehrere Stunden die Fähigkeit, die Stromnetz-Systemsteuerung über ihre primären Kontrollzentren auszuführen. Diejenigen, die diese Vorfälle untersucht haben, glauben, dass mindestens einer durch die im Standard vorgeschlagenen Aktionen hätte verhindert werden können.)

Das Dokument belegt, dass die Steuerungssysteme für die Stromversorgung in den USA für Würmer und Viren anfällig sind, und liefert damit ein weiteres Indiz für die Vermutung, dass der Wurm W32.Blaster/LovSAN ein Teil der Ursache für den jüngsten flächendeckenden Blackout gewesen sein könnte. Nach bisherigen Verlautbarungen wurde dieser entweder durch den Ausfall eines einzelnen Kraftwerks oder durch fehlerhafte Leitungen verursacht. Dieses lokale Problem löste dann eine Art Domino-Effekt aus, in dessen Folge sich viele andere Kraftwerke zum Schutz vor Überlastung abschalteten. Warum die Schutzmechanismen versagt haben, die eigentlich das ursprünglich betroffene Versorgungsgebiet vom Netz hätten abkoppeln müssen, ist noch völlig unklar.

Offenbar hatte bereits der SQL-Slammer im Januar genau die Systeme lahm gelegt, die in besonderen Netzlast-Situationen einen Domino-Effekt verhindern sollen. Der Störfall blieb ohne Folgen, weil es damals keine Lage gab, die den sofortigen Eingriff des Control-Centers erfordert hätte. Das NERC hält es jedoch für dringend erforderlich, Maßnahmen gegen eine mögliche Wiederholung zu ergreifen.

Einen Zusammenhang zwischen W32.Blaster und dem großen Blackout, wie ihn heise Security als Möglichkeit zur Diskussion stellte, haben die befragten Experten und Behörden umgehend verneint. So erklärte das staatlich geförderte US-Institut für Internet-Sicherheit CERT/CC, es gebe keinerlei Hinweise auf einen Zusammenhang mit einer Aktivität eines wie auch immer gearteten Virus. Dabei wurde bereits 2001 in Workshops des CERT/CC vor den Gefahren von Viren und Würmern für das Stromnetz gewarnt. Da das CERT/CC weder eine andere plausible Erklärung für den Domino-Effekt präsentiert noch in der kurzen Zeit eine vollständige Untersuchung aller mit dem Netz des National Grid USA verbundenen Systeme durchführen konnte, sind die Angaben des CERT/CC vor und nach dem Ereignis kaum miteinander in Einklang zu bringen.

NERC-Präsident Michehl R. Gent hat versprochen, den Vorfall rückhaltlos aufzuklären. Angesichts der Analysen seiner Experten darf man erwarten, dass bei seinen Untersuchungen zum Domino-Effekt ein Zusammenhang mit W32.Blaster/LovSAN jedenfalls nicht voreilig ausgeschlossen wird. (ju)

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