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Telepolis

Saboteur schaltet Turbine des britischen Kohlekraftwerks Kingsnorth aus

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Einem Unbekannten ist es gelungen, sämtliche Sicherheitsmaßnahmen des britischen Kohlekraftwerks Kingsnorth zu umgehen und eine der vier Turbinen des Kraftwerks außer Gang zu setzen. Die entsprechende Betriebseinheit wurde vier Stunden lang außer Betrieb genommen. Wie der Guardian heute berichtet, sind erst gestern Details zu diesem ungewöhnlichen Vorfall, der sich am 28. November gegen 10 Uhr abends ereignete, bekannt geworden.

Demnach konnte der Täter unbehelligt in die Hauptturbinenhalle eindringen, wo sich zu dieser Zeit niemand befand. "Innerhalb von Minuten", so die von der Zeitung zitierte Auskunft des Kraftwerkbetreibers E.On, "hatte er mit einem Gerät hantiert" – möglicherweise "ein Computer oder eine Bedienerkonsole" – "und die Unit 2 ausgeschaltet, eine der gigantischen 500-MW-Turbinen". Der Mann hinterließ eine Botschaft, ein Bettlaken mit dem Spruch "No new Coal", und verschwand wieder im Dunklen.

Das Kohlekraftwerk in Kent gilt nach Angaben der Zeitung als das am besten geschützte in Großbritannien. Allerdings konnten die Sicherheitsmaßnahmen im Wert von 12 Millionen Pfund den Mann nicht aufhalten. Mit einigem Glück und, wie die Sprecherin von E.On betonte, mit einiger Ortskenntnis gelang es dem Unbekannten zunächst, zwei mit Stacheldraht und Strom gesicherte drei Meter hohe Zäune zu überwinden, ungeachtet der Überwachungskameras, die ihn beobachteten. Danach fand er nach den Aussagen von E.On-Sprecherin Emily Highmore ziemlich zielsicher den Weg zum Turbinenraum. Wäre er zum Hauptkontrollraum gegangen, wäre er zu diesem Zeitpunkt ins Blickfeld von acht Mitarbeitern geraten.

Trotz der Kameraaufzeichnungen, die genaueren Analysen unterzogen würden, fehlt noch immer jeglicher Hinweis auf den Mann. Laut Informationen der Tageszeitung Telegraph hat sich bislang niemand, auch keine Gruppe, zu dem Anschlag bekannt. Die Botschaft des Mannes richtet sich eindeutig gegen den geplanten Neubau eines größeren, leistungsstärkeren Kraftwerks in Kingsnorth bei Kent, das das alte ersetzen soll. Da auch dieses Kraftwerk hauptsächlich mit Kohle betrieben werden wird, protestieren Umweltschützer heftig gegen diese Pläne. Zum Zeitpunkt des Sabotageaktes, so der Telegraph, lief eine zweitägige landesweite Protestaktion von Umweltschutzaktivisten, die sich Camp for Climate Action nennen.

Die Sprecherin von E.On weist auf die Gefährlichkeit der Sabotage-Aktion des Unbekannten hin. Sie stellte heraus, dass dieser Akt einer "anderen Liga" angehöre als Protestierer, die sich an Ausrüstungsteile ketten: "Hier behandelt jemand ein Kraftwerk, als ob es ein Abenteuerspielplatz wäre. Man muss ausgebildet sein, um hier zu arbeiten. Personen gehen hier nicht einfach nach ihrem Gutdünken alleine herum. Er hätte sich selbst töten können. Wir haben kein Problem mit öffentlichen Protesten, aber dies hier ist rücksichtslos."

Der Guardian rechnet dagegen aus, wie viel weniger umweltschädigende Emissionen durch diese Aktion und den daraus resultierenden Betriebsstopp der Turbine in die Luft gelangten: 2 Prozent – dies entspreche dem schädlichen Ausstoß einer Stromproduktion in der Größenordnung, die nötig sei, um eine Stadt wie Bristol zu versorgen. Die Zeitung hat auch zwei Namen für den Täter, der "Klima-Mann" und der "grüne Banksy", frei nach dem britischen Künstler, der für subversive Aktionen bekannt ist. Einerseits gefährlicher Saboteur, andererseits umweltbewusster Held – alles also nur eine Frage der Blickrichtung? (tpa)