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Safer Internet Day: Cybermobbing nimmt laut Schülerumfrage zu

Laut der Schülerumfrage „Digital Na(t)ives“ nimmt Cybermobbing an Schulen zu, hat sogar die Grundschulen erreicht. Doch Schüler zeigen auch mehr Zivilcourage.

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Smartphone-Nutzerin

(Bild: dpa, Oliver Berg)

Die Schülerumfrage "Digital Na(t)ives" hat im vergangenen Jahr zum zweiten Mal Kinder und Jugendliche zu ihrem Medienverhalten befragt. Beteiligt waren 3643 Schüler der Jahrgangsstufen fünf bis zehn an 19 Schulen im Landkreis Emsland. Die Fragen entstanden aus einem polizeilichen Präventionsprojekt heraus, sie wurden gemeinsam mit den Schülern erarbeitet. Die Umfrageergebnisse liegen heise online vor und sollen im Laufe des Jahres wissenschaftlich aufgearbeitet werden. Die Schüler wurden 2015 zum ersten Mal in dieser Größenordnung befragt.

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Die Umfrage zeigt unter anderem, dass Kettenbriefe, die meist über WhatsApp versandt werden, Kinder nachhaltig ängstigen können. Häufig wird eine Sprach- oder Videonachricht versandt, in der gedroht wird, dass der Familie oder dem Kind selbst etwas Schlimmes passiert, wenn es diese Nachricht nicht an andere Kinder weiterleitet. 49 Prozent der befragten 10-Jährigen gaben an, innerhalb des letzten Jahres einen Kettenbrief erhalten zu haben, der ihnen Angst gemacht hat.

Mit steigendem Alter verstehen die Schüler besser, dass sie vor den Drohungen in Kettenbriefen keine Angst haben müssen und können besser damit umgehen.

(Bild: Projekt Digital Na(t)ives)

Mit zunehmendem Alter gehen die Kinder damit souveräner um. Doch immerhin 23 Prozent der 14-Jährigen gaben zu, Angst verspürt zu haben. Diese kann sogar so stark sein, dass sich die Kinder nicht mehr aus dem Haus trauen. Das betraf elf Prozent der 10-Jährigen und vier Prozent der 14-Jährigen. Polizeihauptkommissar Peter Siebert erzählt von einem Medienpräventions-Workshop mit geistig beeinträchtigten Kindern, die im Gespräch in Tränen ausbrachen. Sie erzählten von ihren Erfahrungen mit Kettenbriefen der Horror-Puppe "Momo", die verstörende Bilder und Texte enthielten. "Menschen mit geistiger Beeinträchtigung leiden offenbar verstärkt darunter. Wir müssen hier noch viel stärker präventiv arbeiten.", sagt Siebert.

21 Prozent der befragten Schüler berichten, dass sie online bereits nach Nacktbildern gefragt wurden. Dabei kannten 42 Prozent der betroffenen Schüler den Anfragenden persönlich. Peter Siebert, der das Projekt seit Jahren begleitet, geht davon aus, dass es sich dabei um Freunde und Mitschüler handelt. Die Anzahl der Anfragen steigt mit dem Alter: Während in Klasse fünf knapp acht Prozent der Mädchen betroffen waren, waren es in Klasse zehn schon 51 Prozent. Jungen wurden nur ein Drittel so oft angefragt. Zehn Prozent der Schüler haben schon einmal eigene, "freizügige" Fotos von sich über das Smartphone verschickt, vor drei Jahren waren erst zwei Prozent. Der Polizeihauptkommissar versucht den Schülern klar zu machen: "Ist ein solches Bild von Dir im Netz, wirst du erpressbar."

Der Kriminologe Thomas-Gabriel Rüdiger von der Fachhochschule der Polizei des Landes Brandenburg sagt: „Dass hier die Konfrontationszahlen von Kindern angestiegen sind, ist wenig verwunderlich und ein Trend, der sowohl in der Polizeilichen Kriminalstatistik als auch in unterschiedlichen Dunkelfeldstudien nachgewiesen wurde." Er gehe davon aus "dass kaum ein Kind im digitalen Raum aufwachsen kann, dass nicht einmal mit so einem Täter konfrontiert wird."

Die Kinder und Jugendliche sind aber nicht nur als Opfer betroffen. "Die Polizeiliche Kriminalstatistik zeigt seit Jahren, dass sie immer häufiger selbst zu Tätern werden", sagt Rüdiger. Laut aktueller Statistik gehören zu den Tätern 42 Prozent Kinder und Jugendliche. Einen Grund für diese Entwicklung vermutet Rüdiger darin, dass Kinder immer früher Smartphones bekommen. Inzwischen hätte jedes Kind ab der fünften Klasse ein Smartphone, wobei die Kinder nur rudimentär wüssten, was überhaupt juristisch erlaubt ist. Rüdiger: "Das ist ein wenig als wenn ich einem Menschen ohne Fahrerlaubnis einfach ein Auto gebe und sage 'Fahr mal, es wird schon werden.' und mich dann wundere, warum es nach zwei Minuten einen Unfall gegeben hat."

Ergebnisse der Schülerumfrage von Projekt Digital Na(t)ives (8 Bilder)

Cybermobbing in der Grundschule

Cybermobbing trifft auch schon Grundschüler. Grund dafür ist unter anderem dass immer jüngere Kinder ein Smartphone besitzen und nutzen.
(Bild: Projekt Digital Na(t)ives)

Ein weiteres Thema, das aus der Umfrage deutlich wird, ist Lehrermobbing. "Mit Beleidigungen fängt es an", weiß auch Siebert aus langjähriger Beratungs- und Ermittlungspraxis. 17 Prozent der Schüler gaben an, bereits einmal "einen Lehrer gezielt über Smartphone beleidigt zu haben, ohne dass er das wusste". Dazu gehören beispielsweise auch Snapchat-Bildern, bei denen Lehrer ohne ihr Wissen aufgenommen und verfremdet werden. Acht Prozent der Schüler gaben in der Umfrage an, bereits Opfer von Cybermobbing gewesen zu sein – vor drei Jahren waren es noch sechs Prozent. "Während vor drei Jahren vorwiegend Schüler der Klassen fünf bis sieben betroffen waren, verlagert sich das Mobbing nun bereits in die Grundschule", erzählt Siebert.

Genau in dieser Altersstufe setzen auch mehrstündige Unterrichtseinheiten an, die sich mit den "Gefahren der neuen Medien" befassen. Vermittelt werden sie an den teilnehmenden Schulen durch die Polizeibeamten. Erste Erfolge in Sachen Zivilcourage gibt es bereits: So wenden sich inzwischen bereits 75 Prozent der Schüler an die Lehrer, um einem Mobbingopfer zu helfen, sechs Prozent mehr als vor drei Jahren. Bekannt sind in den Schulen außerdem Hausordnungen, die die Handynutzung mal mehr oder weniger streng einschränken. Siebert sagt, dass mindestens 90 Prozent der Schulen inzwischen Smartphone-Regelungen bis zur Oberstufe erlassen haben. (cbr)