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Schäfer-Gümbel schlägt Koch - aber nur im Netz

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Nach Untersuchungen der Forschungsgruppe Wahlen im Auftrag des ZDF kann der hessische SPD-Spitzenkandidat Thorsten Schäfer-Gümbel vor allem bei Vielnutzern des Internets punkten. 41 Prozent derjenigen, die länger als zehn Stunden pro Woche im Internet verbringen, würden ihn als Ministerpräsident bevorzugen. Amtsinhaber Roland Koch (CDU) bringt es in dieser Gruppe nur auf 39 Prozent. Insgesamt führt er aber unter den Befragten des ZDF-Politbarometers mit 44 zu 33 Prozent.

Die hessischen Internetnutzer sind laut Forschungsgruppe stärker an Politik interessiert (58 Prozent) als der Bundesdurchschnitt (41 Prozent). Sie interessieren sich auch deutlich stärker für die Wahl als die Mitbürger, die nicht online sind (68 zu 50 Prozent). Beide Gruppe rechnen gleichermaßen mit einem Sieg Kochs.

So umfangreich wie diesmal haben die Landesparteien noch nie das Internet genutzt, um auf Stimmenfang zu gehen. Der Gießener Politikwissenschaftler Christoph Bieber spricht vom "Schritthalten der Politik mit der medialen Entwicklung". Besonders Schäfer-Gümbel hat voll auf das Internet gesetzt, um seinen Bekanntheitsgrad zu steigern. Dabei gibt er durchaus Privates preis, was Teil der Strategie sein mag: Wer wissen will, welche Musik der 39-Jährige mag, wird im Netzwerk Wer-kennt-wen fündig: Herbert Grönemeyer, Madonna und Genesis zählen dazu. Wenig überraschend ist die Rubrik: "Wo Thorsten mal hinwill": "In die Staatskanzlei in Hessen. Als Ministerpräsident. Die Wahl ist am 18. Januar 2009", heißt es da.

Andere Politiker tummeln sich ebenfalls in Online-Portalen wie Facebook oder Studi-VZ, die Menschen virtuell miteinander verknüpfen sollen. CDU-Ministerpräsident Roland Koch und Grünen-Chef Tarek Al-Wazir haben einen Eintrag bei Facebook, den registrierte Nutzer abrufen können. Nur FDP und Linkspartei haben für ihre Spitzenkandidaten kein Profil angelegt.

Eine Wirkung lässt sich nach Ansicht von Politologe Bieber mit den sozialen Internet-Netzwerken aber nur langfristig erzielen. "Das Ganze braucht Zeit", erklärt er. Die vielgerühmte Internet-Kampagne von Obama habe mehr als eineinhalb Jahre benötigt, um so richtig in Schwung zu kommen. Dazu sei der hessische Wahlkampf viel zu kurz.

In Mode gekommen – auch bei einigen hessischen Politikern – ist "twittern". Über den Internetdienst twitter.com können Kurznachrichten mit maximal 140 Zeichen Länge per Computer oder auch per Handy für jedermann sichtbar ins Netz gestellt werden. Eine Antwort der Leser an den Schreiber ist online möglich, sodass ein Dialog entstehen kann.

Neben Schäfer-Gümbel "twittert" beispielsweise auch das CDU-Online-Wahlkampfteam "Webcamp09" oder die Grünen-Landesvorsitzende Kordula Schulz-Asche. Der Informationsgehalt ist wegen der gebotenen Kürze meist gering, die Aussagen eher banal. Ein Beispiel: "Heute morgen Wahlkampf am S-Bahnhof Hofheim: Wir waren fast zu viele Leute. Großer Dank an die Hofheimer Grünen", schreibt Schulz-Asche.

Aber es geht auch nicht unbedingt um die großen Botschaften, sondern um Terminmitteilungen, Hinweise und die unmittelbare Rückkoppelung an die Internetnutzer. Der direkte Dialog spiele eine große Rolle, sagt Oliver Zeisbeger von der Agentur barracuda, die sich im Auftrag der SPD um die Onlineaktivitäten im Wahlkampf kümmert. Politiker könnten damit auch deutlich machen, dass sie zuhören können. "Der sitzt im Auto und liest Twitter-Nachrichten", berichtet er über Schäfer-Gümbel.

Messbar ist die Wirkung aus den Internet-Aktivitäten nur schwer, räumt Bieber ein. Dies sei aber ebenso schwer beim Wahlkampf mit "Tapeziertischen in der Fußgängerzone" und dem Aufstellen von "Kopf-Plakaten". Immerhin gelte für das Internet: "Man spricht eine Klientel an, die selbst sehr kommunikativ ist." Insgesamt schätze er es als "sehr positiv" ein, dass sich Politiker mit den neuen Kommunikationsformen auseinandersetzten, sagt Bieber.

Da nimmt es die SPD auch gerne in Kauf, dass Thorsten Schäfer-Gümbel bei Twitter parodiert wird. Dort schrieb der "echte" TSG zuletzt unter anderem: "Mißverständnis! Habe Mutter gerade erzählt, daß ich öffentlich twittere und bis zu 300 Leute zuschauen – Ohrfeige erhalten!" (dpa) / (anw)