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Schicke, aber umstrittene 3D-Oberfläche für Linux

Mit dem von Novell vor einigen Tagen vorgestellten Open-GL basierten X-Servers Xgl und den Erweiterungen wie unter anderem Compiz für die Desktop-Umgebung GNOME hat das Unternehmen in der Linux-Community und -Medien für positives Aufsehen gesorgt. Nicht alle Entwickler sind jedoch mit der Vorgehensweise von Novell rund um die Neuerungen glücklich.

Zwar versprechen die Neuerungen mit 3D-Effekten und echter Transparenz dem Linux-Desktop ein Face-Lift zu verpassen und damit in einigen Bereichen zu MacOS X aufzuschließen, wo solche Verschönerungen die Anwender bereits seit längerem verzücken. Doch insbesondere die GNOME-Entwickler kritisieren in ihren Blogs und auf der Mailingliste die Art der Entwicklung. So bemängeln sie, dass Novell den Code hinter verschlossenen Türen entwickelt habe, ohne dass externe Entwickler darauf Einfluss nehmen konnten – ein solches Verhalten hatte schon zum Jahreswechsel unter den X-Entwicklern für Aufregung gesorgt, die damals dazu führte, dass Novell den Xgl-Code früher als geplant freigab. Die Erweiterungen für GNOME blieben jedoch bis vor wenigen Tagen geheim.

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Ein Novell-Entwickler verteidigt diese Vorgehensweise auf der GNOME-Mailingliste: Solch große Änderungen würden bei einer öffentlichen Entwicklung in der Community häufig auf den Mailinglisten ewig diskutiert, was die Fertigstellung verzögert hätte, sodass sie nicht mehr rechtzeitig für das in Vorbereitung befindliche Novell Linux Desktop 10 (NLD10) fertig geworden wäre. Daher habe man hinter verschlossenen Türen gearbeitet. Ob das GNOME-Projekt den Code später möge, sei den Entwicklern dabei egal gewesen. Wenn GNOME den Code aufnehmen wolle, sei das okay, wenn nicht, habe Novell mit NLD10 halt ein Produkt, das sich von den Mitbewerbern unterscheidet ("brand differentiation"), ohne dass das GNOME-Projekt dadurch Schaden nehme.

Die Mail hat einige Reaktionen von prominenten Linux- und GNOME-Entwicklern wie Alan Cox sowie dem bei Canonical an Ubuntu arbeitenden Jeff Waugh hervorgerufen. Waugh, einer der führenden Köpfe hinter GNOME, deutet an, dass Novell mit diesem Verhalten nicht alleine ist, ohne dabei konkrete Namen zu nennen. Er endet seine Mail mit den Worten: "Letztendlich wird es die Community zerstören. Und das muss bekämpft werden" ("But ultimately, this is *killing our community*. And it must be fought.").

In der Diskussion mit Alan Cox deutet Waughs Mail an, dass der beim Linux-Kernel verwendete Prozess seine Vorteile hat. Die Chance, große Mengen unabhängig vom normalen Kernel-Entwicklungsschema programmierten Quellcode ohne ein harsches Review in den Kernel zu bekommen, seien normalerweise schlecht. Das zeige sich beispielsweise an dem Dateisystem Reiser4, dessen Aussichten, in den Kernel aufgenommen zu werden, auch knapp 18 Monate nach dessen Veröffentlichung eher schlecht stehen.

Doch auch beim Kernel nehmen einzelne Distributionen Erweiterungen auf, die den Kernel-Entwicklern (noch) nicht gut genug oder gar unerwünscht sind; das bringt andere Distributionen und die Kernel-Entwickler in Zugzwang, den Patch ebenfalls zu integrieren. Bestes Beispiel ist der unter anderem in den Mainstream-Distributionen von Novell/Suse und Ubuntu enthaltene Patch, mit dem der Kernel nicht die ACPI-Tabelle des Systems verwendet, sondern eine vom Benutzer vorgegebene. Das machen viele Anwender beim Linux-Betrieb auf ihren Notebooks, damit Linux akzeptabel läuft, da es sonst über Fehler in den Tabellen des Systems stolpert. Doch genau dieser Patch und die im Internet von Usern bereitgestellten korrigierten ACPI-Tabellen schaden Linux laut dem bei Intel arbeitenden leitenden Linux-ACPI-Entwickler mehr, als das sie nützen ("It is a crutch that makes Linux WORSE, NOT BETTER.").

Derweil scheint Novell auch nicht das einzige Unternehmen zu sein, das an 3D-Fähigkeiten für den Linux-Desktop arbeitet – ein Red-Hat-Mitarbeiter hat auf einer Fedora-Mailingliste "Bling" angekündigt, das mit einem X-Server namens Xair wohl ebenfalls schicke 3D-Features für den GNOME-Desktop erlauben soll. Inwieweit die X-Entwickler von Xair wussten ist unklar, bei der Entwicklung des auf Metacity aufbauenden Windows-Managers Spififity für GNOME scheint Red Hat jedoch mit der GNOME-Community zusammengearbeitet zu haben. Die muss sich jetzt überlegen, ob sie langfristig auf Spififity oder Compiz setzt, oder gar beide pflegt. (thl)

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