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"Schlechte Filme, schlechte Gesetze": Hollywoods Hacker beeinflussen US-Gesetzgebung

In Filmen erscheinen Computer als Zauberkisten – mit bedenklichen Folgen. Nun will eine neue Generation von Produzenten der Wirklichkeit näher kommen. Es wird höchste Zeit.

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(Bild: Seth Armstrong)

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Kryptografie, die sich mit einem Universalschlüssel knacken lässt, E-Mails, die Buchstabe für Buchstabe eintreffen, jeder davon großgeschrieben: Hollywood ist nicht gerade berühmt für einen realitätsnahen Umgang mit dem, wie Computer tatsächlich funktionieren und was sie können. Für den bekannten Science-Fiction-Autoren Cory Doctorow liegt darin der Grund für fatale gesetzliche Regelungen zur IT-Sicherheit. "Der hartnäckig ignorante Umgang mit Computern im Film hat gravierende Folgen, mit denen wir uns seit Jahrzehnten herumschlagen", schreibt er in einem Essay für Technology Review (die März-Ausgabe ist jetzt im Handel und im heise shop erhältlich).

Jahrzehntelang habe die Filmbranche Computern magische Fähigkeiten angedichtet, um Schwächen in der Handlung zu übertünchen. "Die Folge waren nicht nur schlechte Filme. Die falsche Darstellung hat zudem dafür gesorgt, dass wir vor den falschen Sachen Angst haben", schreibt Doctorow. Als prominentestes Beispiel nennt er den Hacker-Film "WarGames". Ihn habe die Legislative in den USA sogar zum Anlass genommen, "ein furchtbares Gesetz zu verabschieden, das konkreten Schaden angerichtet hat".

Er kam 1983 in die Kinos. Matthew Broderick spielt David Lightman, einen intelligenten, gelangweilten Teenager aus Seattle, der mit seinem primitiven Modem automatisch Nummern anwählt und so nach Systemen zum Eindringen und Erkunden sucht. Als er sich mit einem mysteriösen System verbindet, das ein internes Netz für eine Spieleentwicklerfirma zu sein scheint, löst er fast den Dritten Weltkrieg aus. Denn in Wirklichkeit ist er im Pentagon gelandet, und das vermeintliche Spiel "Globaler Thermonuklearer Krieg", das er dort startet, ist ein autonomes System zur nuklearen Vergeltung, das Tausende von Interkontinentalraketen auf die UdSSR abfeuern soll.

"Die wichtigste Hinterlassenschaft des Films war die Reaktion, die er bei den in Panik geratenen Gesetzgebern auslöste", so Doctorow. Im Jahr 1984 verabschiedete der US-Kongress den Computer Fraud and Abuse Act (CFAA). Es enthielt eine außergewöhnlich breite Definition von dem, was kriminelles "Hacking" sein soll. In der Folge habe sich das CFAA als überaus schädliche Bedrohung erwiesen. "Der Grund dafür ist, dass Unternehmen (und US-Staatsanwälte) zu der Ansicht gekommen sind, die Autorisierung zur Nutzung eines Online-Dienstes sei durch die Endnutzer-Lizenzvereinbarung definiert – durch die Tausende Worte juristischen Kauderwelschs also, die niemand je liest. Verstöße gegen diese Vereinbarung gelten somit als Straftat."

Auf diese Weise kam es dazu, dass ein junger Aktivist namens Aaron Swartz in 13 Punkten angeklagt wurde, nachdem er mit einem Skript das Herunterladen von Artikeln aus JSTOR automatisiert hatte, einer akademischen Datenbank im Netz des Massachusetts Institute of Technology. Swartz war zwar berechtigt, die Artikel herunterzuladen, doch die Nutzungsbedingungen verboten, das mit einem Skript in großer Zahl zu machen. Was Swartz tat, war kein Versehen: Er hatte zuvor über Monate mehrfach versucht, die Download-Limits von JSTOR zu umgehen, und er verschaffte sich letztlich direkten Netzzugang über einen Kabelschrank im Keller. Doch wegen des CFAA drohten ihm bis zu 35 Jahre im Gefängnis. Im Jahr 2013 erhängte er sich.

Die Fähigkeit von Computern wirklichkeitstreuer darzustellen, ist für Doctorow also nicht nur eine Frage der besseren Unterhaltung. Cyber-Bedrohungen seien die drängendsten Probleme unserer Zeit. "Es sollte klar sein, dass wir alle eine treffendere Vorstellung davon brauchen, was Computer für uns tun und wie sie uns schaden können."

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(jle)