Menü

"Schlimmer geht es immer": Schock bei Siemens nach Vorstandsverhaftung

Lesezeit: 1 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 358 Beiträge
Von

Den von einer Schmiergeldaffäre gebeutelten Siemens-Konzern sollte eigentlich nur noch wenig erschüttern können. Da wurden in den vergangenen Monaten zig Standorte von Polizei und Staatsanwaltschaft durchsucht, ein früherer Vorstand verhaftet und dubiose Zahlungen in dreistelliger Millionenhöhe entdeckt. Als sich am Dienstag in der Siemens-Zentrale am feudalen Wittelsbacher Platz die Nachricht von der Verhaftung von Zentralvorstand Johannes Feldmayer verbreitete, war das dennoch für viele Beschäftigte ein Schock. Zum einen ist der 50-Jährige, der einmal als Kandidat für den Chefsessel galt, beliebt bei Deutschlands größtem Elektrokonzern. Zudem steht nun erstmals ein aktiver Zentralvorstand im Zentrum der Affären und Skandale. "Die Lebenserfahrung lehrt, dass es immer noch schlimmer kommen kann", stöhnte ein Siemens-Funktionär.

Feldmayer wurde am Dienstag im Zuge neuer Durchsuchungen bei Siemens in München, Erlangen und Nürnberg verhaftet. Er hatte vor einigen Jahren einen dubiosen Vertrag mit Siemens-Betriebsrat Wilhelm Schelsky unterzeichnet, der Bundesvorsitzender der Unabhängigen Arbeitnehmervertretung (AUB) ist. Mehr als 14 Millionen Euro sollen an Beratungsfirmen Schelskys geflossen sein. "Die Verhaftung Feldmayers zeigt, dass der Sumpf größer ist, als man jemals geglaubt hat", sagte Bayerns IG-Metall-Chef Werner Neugebauer in einer ersten Reaktion. Er habe Feldmayer in Verhandlungen als verlässlichen Partner gekannt. Umso erschütternder sei seine mögliche Verwicklung in die Affäre.

Wie stark es inzwischen ans Eingemachte geht, zeigt eines: Als sich der Abschied des langjährigen Siemens-Chefs Heinrich von Pierer abzeichnete, gab es vier Nachfolgekandidaten. Das waren die Zentralvorstände Heinz-Joachim Neubürger, Thomas Ganswindt, Johannes Feldmayer und Klaus Kleinfeld. Inzwischen gilt Neubürger in der Affäre um schwarze Kassen in der Festnetzsparte Com als Beschuldigter, Ganswindt war wegen der Vorfälle zwischenzeitlich sogar in Haft. Beide sind nicht mehr für Siemens tätig. Nun erwischte es in der Affäre um Schelsky den dritten der einst vier Hoffnungsträger.

Vorstandschef Kleinfeld, der damals schließlich das Rennen machte, hat nach den bisherigen Ermittlungen eine weiße Weste. Dennoch wird man bei Siemens vorsichtiger. Der Aufsichtsrat will zwar seinen Vertrag im April um fünf Jahre verlängern. Die Abfindungszahlung im Falle einer theoretisch denkbaren Trennung soll aber begrenzt werden. In den kommenden Monaten dürfte Siemens die Justiz jedenfalls weiter in Atem halten. Während die Staatsanwaltschaft in Nürnberg versucht, die AUB-Affäre aufzuklären, und ihre Münchner Kollegen weiter Licht in den Schmiergeldskandal bei Com bringen wollen, wird derzeit eine Korruptionsaffäre in der Siemens-Kraftwerkssparte in Darmstadt vor Gericht aufgearbeitet. Im Strafverfahren entschied der Vorsitzende Richter Rainer Buss am Dienstag, dass Siemens-Zentralvorstand Uriel Sharef als Zeuge gehört werden soll. (Axel Höpner, dpa) / (jk)