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Schnelle Abzocke mit Partei-Domainnamen

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Um mit dubiosen Web-Angeboten schnelle Kasse zu machen, reißen sich Unternehmen gerne gefragte Domains unter den Nagel. Im Bundestagswahlkampf sind Internet-Namen von Parteien ein beliebtes Ziel. Als etwa der Kreisverband Rhein-Sieg der Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit (WASG) am 30. August versehentlich seine Domain für kurze Zeit freigegeben hatte, war sie am gleichen Tag in den Händen solcher Anbieter.

Seitdem prangte auf wasg-rhein-sieg.de ein Hinweis in großen Lettern: "Wir mussten den Zugang zu unseren Seiten schützen." Man solle bitte die Handy-Nummer angeben, dann bekomme man "kostenlos per SMS" einen "Zugangcode". Am unteren Rand der Seite fand man den Hinweis, dass mit der Eingabe dieses Zugangscodes ein M-Payment-Abo für 9,99 Euro pro Tag für das "Produkt Wahlalternative" abgeschlossen wird.

Für die WASG sei das so kurz vor der Wahl ein Fiasko, erzählte Ralf Michalowsky, Mitglied des Landesvorstands NRW. Der Kölner Stadtanzeiger wurde wenige Tage später auf die Webseite aufmerksam. Obwohl auch ohne Fachkenntnis ersichtlich ist, dass der neue Inhalt auf der Seite schwerlich von der WASG kommt, titelte die Zeitung: "Äußerst teures Gedankengut" und stellte im Artikel die rhetorische Frage, ob "das Gedankengut der streitbaren Querdenker derart exquisit ist, dass es nur gegen bare Münze publik gemacht werden darf?" Der Stadtanzeiger bezeichnete die Webseite als "innovative Aktion zur Befüllung der Parteikasse."

Michalowsky machte sich auf die Suche nach den Anbietern. Als neuen Inhaber der Domain gibt das DeNIC-Whois eine "Laten8 Consulting Ltd." im britischen Birmingham an. Als haftender Admin-C fungiert wie so oft in vergleichbaren Fällen der Münchener Rechtsanwalt Bernhard Syndikus. Weil Michalowsky zu diesem Zeitpunkt vermutete, dieser Name sei ohnehin erfunden, verzichtete er darauf, bei Syndikus anzufragen.

Stattdessen sah er sich die neue Webseite näher an. Ein Verantwortlicher für das Angebot war dort nicht genannt, ganz zu Schweigen von einem korrekten Impressum. Laut den auf der Seite verlinkten Allgemeinen Geschäftsbedinungen wurde über das Handy-Payment-System Payray von Debitel abgerechnet, als Ansprechpartner war die im Zusammenhang mit dubiosen Dialer-Angeboten bekannt gewordene Berliner Mainpean GmbH genannt.

Also hat Michalowsky Mainpean um die Abschaltung des Angebots gebeten. Die Rechtsabteilung des Payment-Dienstleisters antwortete, dass sie "ein eindeutig rechtswidriges Verhalten unseres Vertragspartners" nicht erkennen könne. Die WASG solle sich doch "an den verantwortlichen Seitenbetreiber wenden." Den Seitenbetreiber oder den Vertragspartner wollte Mainpean freilich nicht nennen. All dies erinnert auffällig an die langen Wiederverkaufsketten im Dialer-Business, bevor hier der Gesetzgeber einen Riegel vorschob. Eine Anfrage per E-Mail von heise online bei Mainpean zu dem Fall blieb bisher ohne Antwort. Allerdings wurde das "Produkt Wahlalternative" heute still und leise vom Netz genommen. (hob)

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