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Schöne neue Welt der Google-Gesellschaft

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Das wachsende Internet-Imperium Google will offiziell nichts Böses tun und parteilos sein. Doch die Warnungen vor einem zensurbeflissenen, überwachungshungrigen Monopolisten verstummen nicht. Auf einer Diskussionsrunde der Heinrich-Böll-Stiftung und des Netzwerks Neue Medien zum Erscheinen des Sammelbands "Die Google-Gesellschaft" am Donnerstag in Berlin waren zahlreiche skeptische Stimmen über die Auswirkungen der Googleisierung zu vernehmen. Vergleiche zu Stasi-Praktiken der DDR wurden bemüht, das Mauscheln mit autoritären Regimes wie China moniert. Die Teilnehmer stellten Fragen zu den umfangreichen Datensammelpraktiken Googles über die eigentlichen Suchanfragen, Desktop- und E-Mail-Inhalte, Bloggerinteressen, soziale Netzwerke oder Shopping-Gewohnheiten. Schließlich hat der Suchmaschinenanbieter längst in all diesen Bereichen seine Finger und ein bis 2038 gültiges Cookie im Spiel.

Heftige Kritik am arglosen Vertrauen der Mehrzahl der Internetnutzer in Google übte Wolfgang Sander-Beuermann vom Verein zur Förderung der Suchmaschinen-Technologie und des freien Wissenszugangs (SuMa): "Wenn Wissen Macht ist, dann sind Suchmaschinen Supermächte", zitierte er aus einem Telepolis-Artikel. "Wir müssen verhindern, dass Google zur absoluten Supermacht wird", fügte er hinzu. Heute könne man angesichts aktueller Zahlen, wonach 82 Prozent der Surfer regelmäßig googlen, noch sagen: "Gott sei dank ist es nicht Microsoft". Aber wer garantiere, dass es morgen auch noch so sei? Die Monopol- und Zensurängste gehen für den Experten Hand in Hand: je zentraler ein Dienst sei, desto einfacher lasse er sich auch zur Blockierung von Inhalten "der Draht abschneiden". Für Sander-Beuermann lautet das Motto daher: "Zurück zu den dezentralen Wurzeln des Internet", die auch bei der Wissensverbreitung zu implementieren seien. Zudem sei -- etwa mit der staatlichen Unterstützung freier Suchmaschinen -- für echte Vielfalt im Suchmaschinenmarkt zu sorgen.

Der Sprecher des Suchmaschinenprimus in Deutschland, Stefan Keuchel, konterte: "Google hat kein Betriebssystem, das jemand zwingt, Google zu nutzen". Jeder sei frei, auch zu Yahoo, MSN oder Metasuchmaschinen zu gehen. Die Leute kämen aber immer wieder zu Google, weil sie wüssten, dass sie dort "gute Ergebnisse bekommen." Auch den Big-Brother-Vorwurf wollte Keuchel nicht gelten lassen. "Jeder Internetnutzer muss sich darüber klar sein, dass Firmen Cookies setzen", konstatierte er. Google mache dies, "um die Suchqualität für den Nutzer besser zu machen" und kläre darüber auch auf der Website auf. Im Gegensatz zu anderen Freemail-Anbietern werde bei Google-Mail zudem "weder Geschlecht noch Alter noch Haushaltsnettoeinkommen" abgefragt. Zwangsweise werden aber auch die E-Mails von Kommunikationspartnern, die den Deal "Privatsphäre gegen kostenlosen Dienst" nicht unterschrieben haben, von Google dauerhaft erfasst. Dies erwähnte Keuchel nicht.

Sauer stieß Teilnehmern ferner auf, dass Google künftig gemeinsam mit anderen Anbietern hierzulande nach dem Jugendmedienschutzrecht indizierte Websites nicht mehr in den Suchergebnissen anzeigen will. Richtiger wäre ein Vermerk "hier gab es einen Eintrag, aber wir können nicht darauf verweisen, weil es gegen nationales Recht verstößt", gestand Keuchel ein. Auf die Frage, ob Google künftig auch Links auf die Hersteller von Software zum Umgehen von Kopierschutzmaßnahmen nicht mehr zeigen werde, entgegnete der Firmensprecher: "Wir halten uns an bestehendes Recht." Wenn etwas verboten sei, "werden wir diesen Link entfernen." Heise online war jüngst in erster Instanz gerichtlich nach einer Klage der Musikindustrie untersagt worden, einen Link auf die in Antigua ansässige Softwarefirma Slysoft zu legen.

Insgesamt war Keuchel bemüht, Google als unpolitisches Unternehmen darzustellen: "Wir sind absolut neutral und unabhängig." Es gebe keine Überlegungen, in Richtung Lobbying stärker aktiv zu werden. Zuvor hatte Katja Husen vom Bundesvorstand der Grünen Google aufgefordert, im Namen der Nutzer zu helfen, eine zu enge, an den alten Medien orientierte Regulierung des Internet zu verhindern. Sie vermisst mehr Lobbying in Richtung hin zu einer "mutigen Politik, die sagt, wir können nicht alle vor allem schützen, aber wir bilden euch so gut aus, dass ihr euch selber schützen könnt." Keuchel erklärte letztlich doch, dass "wir in Zukunft mehr politisch tätig werden müssen." In den USA beschäftigt die Firma bereits seit Jahren einen Cheflobbyisten.

Den wissenschaftlichen Unterbau der "Google-Gesellschaft" versuchte Michael Schetsche, Mitherausgeber des gleichnamigen Buches, zu umreißen. Demnach habe man den Begriff als Metapher gewählt, weil Suchmaschinen "als Universalschnittstelle des Menschen zur digitalen Welt fungieren." Es gehe vor allem um einen "radikalen Wandel im Umgang mit Wissen". Es entstehe ein riesiges Archiv, in welches das Wissen der Menschheit einverleibt werde. Gleichzeitig werde es immer schwieriger, "wieder Informationen aus dem Netz zu entfernen". Der Mediensoziologe sieht damit jegliche politischen, sich aus Ideologien des 20. Jahrhunderts speisende Ansätze etwa zum Urheber-, Privatheit- oder Jugendschutz zum Scheitern verurteilt, weil sie "gegen die Funktionslogik des Netzes verstoßen".

Die neue Gesellschaft macht für Schetsche ernst mit der "Aufhebung der Trennung zwischen Fakten und Fiktion". Dies böte die Chance, "ein natürlicheres Verhältnis zur Realität zu erhalten." Den Menschen würde bewusst, dass es keine von den Medien unabhängige Wirklichkeit gebe. Auch die "Trennung von Intim, Öffentlich und Privat entfällt weitgehend". Es entstehe eine "Netzöffentlichkeit, in der die Trennung zwischen Rezipient und Produzent völlig aufgehoben wird." Anhand dieser Ausführungen kam der Verdacht auf, dass es sich bei der "Google-Gesellschaft" um nichts anderes handelt als die bereits zuvor ausgerufene "Internet-", "Medien-", "Wissens-" oder "Informationsgesellschaft". (Stefan Krempl) / (jo)