Schweiz fürchtet Stromverbrauch von Set-Top-Boxen

Die 3,5 Millionen zu erwartenden Set-Top-Boxen in der Schweiz würden pro Jahr etwa 400 Millionen kWh Strom zusätzlich verbrauchen, befürchtet die Ständerats-Kommission -- und schlägt Grenzwerte unter 1 Watt für den Stand-by-Betrieb vor.

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Von
  • Tom Sperlich

Eine lebhafte Diskussion über die Einführung des Digital-TV fand am gestrigen Freitag im Ständerat des Schweizer Parlaments statt: Vor allem der Stromverbrauch der anzuschaffenden Set-Top-Boxen von bis zu 15 Watt im Stand-by-Betrieb ist den Mitglieder des Ständerats ein Dorn im Auge; sie stimmten einer Interpellation zu, die die Ständerätin und Sprecherin der Energiekommission Simonetta Sommaruga einbrachte.

Da es in der Schweiz bereits Ende 2006 rund 600 000 Set-Top-Boxen gebe und diese Zahl im Laufe der nächsten Jahre bis auf etwa 3,5 Millionen steigen werde, sei es höchste Zeit zum Handeln. Bei einer zukünftigen durchgehenden Digitalisierung des Fernsehens in der Schweiz würden alle Set-Top-Boxen pro Jahr durchschnittlich etwa 400 Millionen Kilowattstunden Strom zusätzlich verbrauchen, rechnete die Ständerats-Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie vor. Man beschloss daher, einen Grenzwert festzulegen: Das Ziel, so Simonetta Sommaruga, müsse sein, einen Stand-by-Wert von 1 Watt einzuhalten. Es gebe bereits heute Geräte, die im Stand-by-Betrieb nur noch 3,5 Watt verbrauchen, so die SP-Ständerätin.

Der Bundesamt für Energie (BfE) arbeitete schon in den vergangenen zwei Jahren an einer Zielvereinbarung mit der Branche, die im letzten Winter unterzeichnet wurde – jedoch nicht von der Cablecom, der mit rund 160.000 Set-Top-Boxen grössten Schweizer Kabelfernsehbetreiberin. Die Vereinbarung lehnt sich an den europäischen "Code of Conduct" an, doch reichen dessen Anforderungen bislang allerdings nicht sehr weit. Er lässt etwa für den Stand-by-Aktiv-Zustand einen Wert von bis zu 15 Watt zu. Es sei Augenwischerei, so ein Cablecom-Unternehmenssprecher gegenüber heise online, eine Vereinbarung zu unterzeichnen, die heute gar nicht in vollem Umfang eingehalten werden könne.

Dabei hält Cablecom nach eigenen Aussagen schon heute bei knapp einem Drittel der ausgelieferten Boxen die Grenzwerte des Code of Conduct ein. Nur die reinen Empfangsgeräte (ADB Receiver und Thomson Mediabox) überschritten mit 10 und 15 Watt die europäischen Grenzwerte von rund 8 Watt. Keine Spezifikationen liegen derzeit für die im Herbst geplante Einführung des hochauflösenden Fernsehens vor, die für den Empfang notwendigen Geräte befänden sich noch in der Entwicklung. Immerhin wird es voraussichtlich für den Winter 2007 für die IPTV-Kunden der Swisscom ein Software-Update für die 40.000 bereits ausgelieferten Set-Top-Boxen von Thomson geben. Das ist sicherlich auch nötig, denn das Modell verbraucht im Stand-by-Betrieb üppige 15 Watt.

Zwar lehnt der Bundesrat die gestern beschlossene Eingabe des Ständerats ab, aber nicht aus inhaltlichen Gründen, wie Bundesrat Moritz Leuenberger klarmachte, sondern "aus rein formalen Gründen", um das Anliegen, wie viele andere, im Rahmen umfassenderer Aktionspläne zu prüfen. Inhaltlich stimme Leuenberger den Argumenten Sommarugas zu, der Weg der "freiwilligen Selbstkontrolle" sei hier hölzern. In einem ersten Schritt sollen die Grenzwerte des Code of Conduct für alle vorgeschrieben und damit der maximale Stand-by-Wert für Set-Top-Boxen auf 7 Watt begrenzt werden. Der zweite Schritt werde sein, die Funktion "Stand-by passiv" mit maximal 3 Watt Stromverbauch vorzuschreiben, so der Bundesrat. Leuenberger möchte aber noch "über eine zweite Schiene fahren", nämlich über die Radio- und Fernsehverordnung (RTVG). Es geht dabei um die Möglichkeit auch andere, stromsparendere) Set-Top-Boxen von anderen Herstellern als Cablecom und Swisscom anschliessen zu können. Standardisierungsarbeiten für das Zusammenwirken von Netzen, Set-Top-Boxen und Rundfunkdienstleistungen sollen dabei zu übergreifenden, offenen Schnittstellen führen. Somit würden künftig Gründe gegen das Zulassen von fremden Boxen auf eigenen (Kabel)netzen wegfallen. (Tom Sperlich) / (cm)