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Sea of Solitude im Test: Das Mädchen und das Meer

Im traumhaften Märchen Sea of Solitude stellt sich ein junges Mädchen ihren wahr gewordenen Dämonen. Die Reise ist kurz, aber einzigartig.

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(Bild: Electronic Arts)

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Sea of Solitude vom Studio Jo-Mei ist in vielerlei Hinsicht eine Besonderheit in der deutschen Videospiellandschaft: keine Aufbaustrategie mit Wuselfaktor, kein Point’n Klick Adventure und keine F2P-Cashcow. Es ist ein ebenso düsteres wie hoffnungsvolles Märchen über Einsamkeit, Trauer und Depression, das sich in Inhalt und Stil der Norm entzieht.

Das Spiel erzählt von Kay, die sich seit ihrer Kindheit mit großen psychischen Problemen herumschlagen muss. In mehreren Abschnitten stellt sie sich ihren Konflikten mit Eltern, Bruder, Freund und schließlich mit sich selbst. Inspiriert wurde die Geschichte von der Lebensgeschichte der Gamedesignerin Cornelia Geppert und ihrem Team, die in Kays Abenteuer ihre eigenen Erlebnisse mit Einsamkeit und Depression reflektieren.

Spielerisch entpuppt sich diese Reise ins Ich als ein einfach gehaltenes Abenteuer mit Hüpf- und Klettereinlagen. Kay fährt mit ihrem Boot einsam durch das titelgebende Meer oder wandert durch ein surreales, comicartiges Berlin, das an japanische Anime erinnert. Überall trifft Kay große und kleine Monster, die sie umgeht oder durch ein Leuchtsignal vertreibt. Gruselig wird es, als sie durch eine finstere Schule schleicht oder vor einem riesigen Seemonster flieht. Dazwischen muss sie die Verderbnis in sich aufsaugen, die ihre Freunde umfangen hat.

(Quelle: heise online)

Schwierig ist das nicht: Das Ziel wird den Spielern per Knopfdruck angezeigt und die kleinen Rätsel sind meist im ersten Anlauf zu bewältigen. Nur in den wenigen Bosskämpfen wird es kniffliger, denn da muss Kay vor den Gegnern fliehen und gleichzeitig Gegenstände einsammeln. Nach 12 Kapiteln und knapp fünf Stunden Spielzeit rollen die Endcredits über den Bildschirm.

Ähnlich wie in Spielen wie "What Remains of Edith Finch?" oder Gris rückt die spielerische Herausforderung in den Hintergrund, um für die ernsten Themen Platz zu machen. Jo-Mei findet dafür eine symbolträchtige, aber einfache Bildsprache, die an Märchen erinnert. Kays innere Dämonen werden zu echten Monstern, denen sie lange Zeit nicht entfliehen kann. Das wogende Meer wird zu einem Sinnbild für ihren inneren Gemütszustand und jeder erneute Versuch, eine Hürde zu meistern, zeigt Kays Willen, aus ihrer Einsamkeit und Depression zu entkommen.

Das ist oft plakativ und wenig subtil, aber effektiv. Sea of Solitude erzählt nicht nur von den dunklen Seiten des Lebens, sondern vom Wiederaufstehen nach einem Rückschlag. Um diese hoffnungsvolle Botschaft zu vermitteln, braucht es keine tiefschürfende Dialoge oder kryptische Andeutungen. Ähnlich wie in Hellblade muss sich die Heldin auch in Sea of Solitude ihren ganz persönlichen Dämonen stellen, um sich von ihren Psychosen und Traumata zu befreien und sich ständig sagen: Stell dich deinen Feinden! Gib nicht auf! Du kannst es schaffen!

Sea of Solitude angespielt (5 Bilder)

In den Bosskämpfen muss sich Kay ihren größten Feinden stellen.
(Bild: heise online)

Der wunderbare treffende Titel des Spiels, die (alp-)traumhafte visuelle Umsetzung und der Mut von Jo-Mei, ihr eigenes Ding ohne Kompromisse durchzuziehen – Sea of Solitude ist eine Besonderheit. Die Konsequenz, mit der die Entwickler ihre künstlerische Vision umgesetzt haben, erinnert an internationale Studios wie Ninja Theory oder Giant Sparrow, die mit Hellblade und "What Remains of Edith Finch?" ihre ganz eigenen Versionen von Depression, Trauer und Einsamkeit gezeigt haben.

Dennoch ist das Spiel nicht frei von Fehlern: Die vielleicht zu einfach gestrickte Botschaft dürfte einigen Spielern zu simpel sein, die Probleme von Kay sind sehr speziell und der spielerische Anspruch ist zu gering. Sea of Solitude ist trotzdem ein Leuchtturm im Meer der Beliebigkeit, der anderen deutschen Spieleproduktionen die Richtung weist.

Sea of Solitude ist am 05. Juli für PS4, Xbox One und Windows erschienen, Es kostet ca. 20 €. USK nicht geprüft. Für unseren Artikel haben wir die PS4-Version durchgespielt.

(dahe)