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Seafile: Zoff zwischen Peking und Unterfranken

Der deutsche Vertrieb und der chinesische Hersteller der Cloud-Software Seafile haben sich zerstritten. Beide Firmen wollen die Software unabhängig weiterentwickeln. Anwender sind verunsichert.

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Seafile

(Bild: Anbieter)

Bei Seafile hängt der Haussegen schief. In der vergangenen Woche hat die deutsche Seafile GmbH angekündigt, nicht mehr mit dem chinesischen Hersteller der Software zusammenarbeiten zu wollen und den Cloud-Dienst Seafile eigenständig weiterzuentwickeln. Beide Seiten machen sich schwere Vorwürfe. Die deutsche Firma und die chinesische Seafile Ltd streiten um Markenrechte, Lizenzen – und natürlich um Geld.

Seafile ist ein Cloud-Speicher für den eigenen Server und ermöglicht das Synchronisieren von Dateien auf verschiedenen Geräten und das Teilen mit Gruppen. Die Software wird sowohl in einer kostenlosen Open-Source-Ausgabe als auch ein einer kostenpflichtigen Pro-Edition angeboten. Die Seafile Ltd in Peking war dabei bisher hauptsächlich mit der Entwicklung der Software beschäftigt, während die im unterfränkischen Wiesentheid angesiedelte Seafile GmbH den Vertrieb übernommen hat.

Die Chinesen werfen den Deutschen vor, dass sie eigenmächtig Markenschutz für die Marke "Seafile" in den USA eingetragen haben und Zahlungen zurückgehalten haben sollen. Die Deutschen halten eine "öffentliche Schlammschlacht" zwar nicht für "zielführend", weisen die Vorwürfe aber ein einer langen Stellungnahme zurück. Sie beklagen die immer schwieriger werdenden Zusammenarbeit und die mangelnde Zuverlässigkeit bei der Entwicklung der Software.

Nun haben beide Unternehmen angekündigt, die Software unabhängig voneinander weiterzuentwickeln. „Ziel ist es Kernfunktionen von Seafile stabiler und zuverlässiger auszubauen", heißt es auf der Website der deutschen GmbH. Ähnliches versprechen auch die Chinesen auf ihrer Homepage. So wollen sie den Entwicklungsplan in Zukunft stabiler gestalten und weniger Features entfernen. Zudem soll Seafile sich besser in Linux-Paketmanager integrieren und schließlich in den offiziellen Debian-Paketquellen landen.

Beide Seiten versprechen, laufende Verträge zu honorieren und Nutzer des Dienstes weiterhin zu unterstützen. Die Deutschen räumen auf ihrer Homepage ein, dass die Beantwortung von Fragen „ein bisschen länger brauchen“ könnte.

Die Chinesen wollen alle vor dem 22. Juli 2016 geschlossen Verträge erfüllen – auch solche, die mit der GmbH geschlossen wurden. Das dürfte der Großteil sein: "Rund 80 Prozent aller Kundenverträge beider Seafile Firmen sind mit der Seafile GmbH geschlossen", erklärte die Geschäftsführerin der Seafile GmbH, Silja Jackson, gegenüber heise online.

Unklar ist die lizenzrechtliche Situation der Pro-Edition, die von beiden vertrieben wird. Die Pro-Edition ist im Gegensatz zur Community-Version Closed-Source-Software. Die GmbH will ihre Anwendung nun auf Basis der Pro-Version entwickeln, worin die Chinesen eine Urheberrechtsverletzung sehen. "Der gesamte Dateimanagement-Kern der Seafile-Pro-Edition gehört zu 100 Prozent der Seafile Ltd", betonte Daniel Pan, CEO der Seafile Ltd. "Wir haben das Recht den Code unter einer proprietären Lizenz zu veröffentlichen."

Die Chinesen hätten die Quellen der Pro-Version "ohne irgendwelche Bedingungen oder Vereinbarungen und auf eine Art mit uns geteilt, die uns die eigenständige Weiterentwicklung erlaubt", hält Jackson dem entgegen. "Wir würden diesen Schritt nicht gehen, wenn wir der Meinung wären, damit ein 'Copyright' zu verletzen."

Beide Unternehmen streiten auch ums Geld. Der deutsche Vertrieb sollte zunächst 30 Prozent der Profite aus Lizenzverkäufen behalten können, später dann die Hälfte, erläutert Pan die Abmachung der beiden Unternehmen. Die Chinesen behaupten, im ersten Quartal 2016 seien 50 Prozent an die Deutschen gegangen. Die sagen hingegen, Peking habe auf 70 Prozent bestanden und Druck gemacht, dass die GmbH mehr verkauft.

Im vergangenen Jahr habe die Seafile GmbH die Einkünfte aus dem dritten Quartal und dem Verkauf von zwei Unlimited-Supportlizenzen behalten dürfen, sagt der Chef der Ltd. Die Deutschen seien zudem mit zinsfreien Darlehen in Höhe von insgesamt 80.000 Euro unterstützt worden. Und es steht der Vorwurf im Raum, dass die Seafile GmbH die Einnahmen aus dem zweiten Quartal 2016 widerrechtlich einbehalten haben soll.

Strittig sind auch die Markenrechte an "Seafile". Der Seafile GmbH gehört die EU-Wortmarke. Am 20. Juni 2016 hat sie zudem einen Antrag auf Markenschutz beim US Patentamt gestellt. Das sei ohne Ankündigung kurz nach dem Entschluss eine geplante Fusion der Unternehmen nicht durchzuführen geschehen, sagen die Chinesen und fühlen sich offenbar überrumpelt. "Die Seafile Ltd hat uns mitgeteilt, dass sie an der Eintragung einer Marke außerhalb von China kein Interesse haben", erklärte Jackson dazu. "Aufgrund eines immer stärker werdenden Interesses aus Nordamerika" habe sich die GmbH dann um "die Markeneintragung in den USA selbst gekümmert".

"Wir haben nie das Interesse an einer Markeneintragung verloren", widerspricht Pan. "Aber seit 2015 haben wir und die Seafile GmbH eng zusammengearbeitet". Angesichts der erwarteten Fusion der beiden Unternehmen habe Peking den Deutschen "erlaubt die Marke in Europa zu halten". Das bereut der Chef der chinesischen Ltd inzwischen: "Wir hätten die Marke selbst registrieren lassen sollen." (mls)

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