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Second-Hand IPv4-Adressen shoppen? Käufer aufgepasst!

Neue IPv4-Adressen gibts schon lange nicht mehr, stattdessen einen regen Handel mit gebrauchten. Doch nicht immer gehen die Käufe glatt. Manche Käufer wundern sich, dass ihre Adressen noch anderswo im Verkehr sind.

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Second-Hand IPv4-Adressen shoppen? Käufer aufgepasst!

Der Adresseverwalter RIPE NCC registriert seit Jahren einen schwunghaften Handel mit gebrauchten IPv4-Adressen. Auffällig ist, dass rumänische Unternehmen vom frühen IPv6-Start des Landes profitieren und daher einen Großteil ihrer IPv4-Adressen verkaufen.

(Bild: RIPE NCC)

Seit 2011 sind die IPv4-Adress-Vorräte des IP-Adressverwalters RIPE versiegt. Seither hat sich ein schwunghafter Handel mit "gebrauchten Adressen" entwickelt. Vor allem arabische Mobilfunkprovider sind offenbar auf großer Einkaufstour. Größter Exporteur für IPv4-Adressen in der RIPE-Region ist Rumänien, wie Jim Cowie, Chefwissenschaftler von DYN beim laufenden RIPE 70 Treffen in Amsterdam berichtete. Das geht darauf zurück, dass Rumänien zu den Vorreitern bei der IPv6-Implementierung zählt. Doch nicht immer gehen die Käufe glatt. Anders als beim Gebrauchtwagenkauf können sich die IP-Adresseinkäufer nie ganz sicher sein, ob die Adressen nicht plötzlich noch anderswo "herumfahren", erklärt Cowie.

Die Hälfte der seit gut einem Jahr verkauften IPv4-Adressblöcke gehörte ursprünglich Unternehmen in Rumänien. 877 von insgesamt 1856 Blöcken verschiedener Größe kamen von der Firma Jump Management in der Kleinstadt Curtea de Arges, zieht Cowie Bilanz. Ein Blick in die Routingtabellen zeigt auch, wer die Top-Einkäufer sind. 33 Prozent der 4500 Präfixe, die jetzt von Unternehmen in Saudi-Arabien annonciert werden, wurden noch vor kurzen in Rumänien geroutet. Cowie rechnete in Amsterdam vor, dass die arabischen Länder rund 15 Millionen US-Dollar für IPv4-Adressen ausgegeben haben.

Eine aktuelle Studie der RIPE Labs listet unter den ersten Adresseinkäufern die Saudi Telecom Company JSC, Mobile Communication Company of Iran, Emirates Telecommunciations Corporation und Iran Telecommunication Company. Ebenfalls auf Einkaufstour sind große westliche Mobilfunkanbieter wie Vodafone. Die arabischen Unternehmen hinken in der Regel mit dem IPv6-Aufbau noch hinterher und haben historisch bedingt ebenso wie die Mobilfunker keine Adressreserven. Rumänien lag in den Statistiken zum IPv6-Ausbau in den vergangenen Jahren dagegen immer sehr weit vorne.

Auch kleinere deutsche Unternehmen haben groß eingekauft, etwa der Karlsruher Hoster Marbis und der schwäbische Internetdienstleister NeckarCom, eine Enkelin des Energieriesen EnBW. Die deutschen Einkäufer handeln aber offensichtlich ganz gerne direkt vor der Haustür. Deutschland habe mit den größten IPv4-Binnenmarkt.

Der wachsende IPv4-Markt versorgt einerseits Neueinsteiger und IPv6-Aufschieber mit IPv4-Adressen. Er hat aber auch seine Schattenseiten, wie Cowie schilderte. Ein vom iranischen Mobilfunkprovider Mobile Communication Company in Rumänien erworbenes /17-Netz (46.51.0.0/17) tauchte nicht nur unter seiner eigenen AS-Nummer auf. Es war auch in einem Level3-Announcement unterwegs – und das wohl schon seit Jahren. Iranische Nutzer, die über ihre Handys Inhalte aus den USA abrufen wollten, guckten in die Röhre oder stellten sich die Frage, ob die Politik oder das US-Embargo gegen ihr Land für diese Blockaden verantwortlich sein könnten.

Manche Provider begannen daraufhin einen regelrechten Wettlauf und kündigten jeweils spezifischere Adressbereiche aus den umstrittenen Blöcken an, erläutert Cowie. Die Announcierung einer spezifischeren Route ist ein Kniff, um Datenverkehr an sich zu ziehen. Auch der iranische Mobilfunkbetreiber hat das versucht und im Fall von 46.51.0.0/17 glaubt ihm heute die halbe Welt. Die andere Hälfte vertraut hingegen Level 3. Die Ursache für die Doppelnutzung ist aber weiterhin nicht beseitigt.

Nach Ansicht der Experten werden solche Probleme durch den wachsenden IPv4-Adresshandel in Zukunft noch zunehmen, auch wenn manche dieser Fälle nur auf technischen Patzern beruhen. Das RIPE will immerhin eine neue Policy aufstellen. Diese soll spekulative Aktivitäten wie die schnelle Anmeldung eines neuen RIPE-Mitglieds verhindern. Neue RIPE-Mitglieder erhalten nämlich umgehend für den Betriebsstart erforderliche IP-Adressen. Spekulanten nutzen das, um diese Adressen gleich wieder zu verscherbeln. Das soll eine neue Regel verhindern: Wer einen der begehrten /22-Blöcke aus dem letzten /8-Vorrat des RIPE NCC bekommt, soll ihn für 24 Monate nicht weiter veräußern dürfen.

Doch mit den bald zusätzlich möglichen Transfers zwischen der RIPE-Region und den anderen IP-Adressverwaltungen (AfriNic, Apnic, Arin, Lacnic) könnte das Adressen-Monopoly in Zukunft noch unübersichtlicher werden. Cowies Ratschlag lautete daher: "Käufer aufgepasst!" (rek)