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Seiner Zeit voraus: Klaus Schmidingers Video Disk Recorder VDR

Als Klaus Schmidinger vor 15 Jahren die erste Fassung seines VDR herausbrachte, nahm er heute selbstverständliche Funktionen digitaler Videorecorder voraus. Zum Jubiläum erscheint jetzt Version 2.2.

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Seiner Zeit voraus: Klaus Schmidingers VDR

Am 19. Februar 2000 veröffentlichte Klaus Schmidinger den ersten Code seines VDR noch als "On Screen Menu" (OSM). Er nutzte dafür die von Technotrend entworfenen digitalen TV-Empfangskarten (DVB-S). Die delegierten das für die damals gängige PC-Leistungsklasse zu anspruchsvolle Dekodieren der MPEG2-Daten an einen spezialisierten Baustein und konnten in das TV-Bild einfache Texte einblenden. Außerdem baute sein Code auf den Treibern auf, die Ralph und Marcus Metzler für die Berliner Firma Convergence für die DVB-Karten entwickelten.

Von Anfang an stellte Schmidinger die Entwicklung unter GPL. Der veröffentlichte Code zeigte zunächst nur, wie er sich die Bedienung über das im TV-Bild eingeblendete Menü vorstellte. Funktionen zum Aufnehmen und Abspielen von TV-Sendungen brachte "erst" die Version 0.03 mit, die Schmidinger am 15.4.2000 zum Download bereitstellte. Seitdem arbeitet der Autor, der als Mitgründer der Firma CadSoft die Platinen-Layout-Software EAGLE entwickelt hat, an seinem VDR weiter.

Im April 2002 erschien VDR in Version 1.0. Das Programm setzte damals einen Linux-Kernel 2.4 und Treiber aus dem von Convergence gesponserten und heute noch aktiven Linux-TV-Projekt voraus. Als Empfangstechniken wurden Sat (DVB-S) und Kabel (DVB-C) unterstützt. Mit einer zweiten DVB-Karte erlaubte VDR seinerzeit den Time-Shift, also zeitversetztes Fernsehen durch die Wiedergabe einer noch laufenden Aufnahme.

VDR 2 (4 Bilder)

Standard-Bedienoberfläche LCARS

Das Standard-Skin ist den Steuerkonsolen aus Star Trek nachempfunden.

Schon schwachbrüstige PCs genügten als Basis. Von Anfang an nutzt VDR den Video-Ausgang der DVB-Karte und blendet so alle Menüs in das TV-Bild ein. Auch mit der IR-Fernbedienung lässt sich VDR steuern. So zog er auch ins Wohnzimmer ein und wurde von Mitbewohnern schnell geschätzt – ohne bastelfreudigen, Linux-kundigen Betreuer ging es aber lange nicht. .

Die Fan-Gemeinde, die sich aktiv an der Entwicklung beteiligen wollte, wuchs rasant. Zunächst brachten Dritte viele Patches heraus, die das Aussehen änderten oder Funktionen ergänzten. Auch Schmidinger selbst arbeitete weiter und veröffentlichte laufend Entwicklerversionen auf der VDR-Homepage.

Mit dem ein Jahr später eingeführten Plug-in-Interface der Version 1.2 wurde VDR endlich modular. Bis dahin mussten Funktionserweiterungen wie MP3-Player, ein DVD-Manager oder andersfarbige Onscreen-Menüs durch einzelne Patches in den Quellcode von VDR eingefügt werden – kamen sich dabei aber regelmäßig ins Gehege, sodass schließlich ganze Patch-Sammlungen (All-in-One-Patches, AIO-Patches) entstanden, die bei jedem Unterversionswechsel neu überarbeitet werden mussten.

Mit dem Plug-in-Interface konnten die einzelnen Erweiterungen unabhängig von einander weiterentwickelt werden und überstanden sogar Versionswechsel ohne Änderungen am Quellcode, so lange das Plug-in-Interface gleich blieb. Zudem konnte VDR 1.2 mit CA-Modulen umgehen, also auch verschlüsselte TV-Programme empfangen und erlaubte mit nur einer DVB-Karte Time-Shift. Schon mit Version 1.2 waren aufgrund der Entwicklerversionen viele Plug-ins zu haben, die ein breites Einsatzgebiet abdeckten.

Bilder aus frühen VDR- und c't-TV-Tagen ...

Auch im Umfeld des VDR entstanden interessante Lösungen. Mit VDRadmin steuerte Thomas Koch eine Web-Oberfläche bei, die eine komfortable Programmierung von Aufnahmen per Web-Browser erlaubte. Nicht nur wiederkehrende Aufnahmen waren damit leicht gesetzt, sondern dank einer Erweiterung von c't-Redakteur Mirko Dölle auch Suchaufträge definiert, die dann automatisch den VDR Aufnahmen anfertigen ließen. Die Anwendungen kommunizierten dazu über einen TCP-Port und eigenes Protokoll (SVDRP).

Mit Skripten ließen sich Aufnahmen in DVDs verwandeln und auf ein optisches Medium brennen. Auf der Technik, um mit VDR von Hand Werbung in Aufnahmen zu markieren und herauszuschneiden, bauten andere Programme auf und automatisierten den Vorgang. Eine zeitlang arbeiteten einige Nutzer daran, einen Web-Dienst zum automatisierten Tauschen der Werbeschnittmarken zu etablieren.

Erst 2006 kam VDR 1.4 heraus. Erstmals konnte die Software das aus der analogen Videorecorder-Welt für pünktlich beginnende Aufnahmen beliebte VPS-Signal verwenden. Über 100 Plug-ins gab es schon bei Erscheinen der neuen Version. Über spezielle Skins ließ sich nunmehr auch die Optik des VDR beeinflussen – zuvor war das eine Domäne der Patches.

Es traten zahlreiche spezialisierte Linux-Distributionen rund um den VDR an, eine davon von c't. Zwischenzeitlich versuchten sich auch einige Anbieter von kommerziellen VDRs, darunter Reelmedia und Xeatre.tv. Mittlerweile sind diese Angebote weitgehend inaktiv. Das Forum der VDR-Gemeinde ist aber nach wie vor aktiv und bestückt auch fleißig ein eigenes Wiki mit Inhalten.

2008 veröffentlichte Schmidinger Version 1.6. Sie brachte VDR die Internationalisierung, Änderungen im Löschverhalten (manchen Benutzer hatte Platzmangel sein gesamtes Archiv gekostet) und Verbesserungen bei DVB-Untertiteln und Pay-TV. Weitere fünf Jahre später erschien VDR 2.0. Diese Version bringt offiziell HDTV-Support, ein neues Aufnahmeformat, nämlich Transport Stream statt Packetized Elementary Stream, sowie Verbesserung im Umgang mit den elektronischen Programminformationen (EPG).

Schwierig blieb immer die Auswahl der richtigen DVB-Karte: Die anfangs unbedingt nötigen Full-Featured-DVB-Karten mit MPEG2-Decoder galten als teuer. Später waren sie nur noch schwer zu bekommen. Ein HD-tauglicher Nachfolger war nur in homöopathischen Stückzahlen im Markt.

Die Rolle des MPEG-Decoders auf der DVB-Karte nahm daher zunehmend die Wiedergabe über die Grafikkarte ein, die spezielle Ausgabe-Plug-ins implementieren. Die machen sich ihrerseits die GPU-Funktionen zur Videodekodierung zu Nutze, um die CPU bei der Wiedergabe zu entlasten.

Viele Nutzer weichen heute deshalb auf einen Raspi als Ausgabegerät am TV-Gerät und einen "kopflosen" VDR im Keller aus – die Verbindung dieses Gespanns wird übers Netz per Streaming, speziellem XBMC/Kodi-Addon (VNSI), einer speziellen Client-Software (VOMP) oder einem VDR mit passendem Ausgabe-Plug-in sichergestellt.

Zum 15. Geburtstag soll nun die Version 2.2 des VDR herauskommen. Die Neuerungen, die man anhand der detaillierten Änderungsliste im Quelltext der letzten Entwicklerversion (2.1.9) schon heute erfahren kann: Unterstützung für steuerbare Sat-Schüsseln, Verbesserungen beim Empfang verschlüsselter TV-Programme, mehr Schnittstellen für Plug-ins und Skins und verbessere Untertitelbehandlung.

Selbst für Grundfunktionen der ersten Stunde gibt es Änderungen. Die automatische Verteilung einer Aufnahme auf mehreren Festplatten, ein Relikt aus der Zeit kleiner Festplatten, hat Schmidinger ausgebaut. VDR erkennt jetzt obsolete TV-Kanäle und markiert sie. Das Positionieren von Schnittmarken wurde optimiert und bei der Wiedergabe kann die Software jetzt mit Schnittmarken versehene Passagen einer Aufzeichnung überspringen.

Zusammen mit den zahlreichen Plug-ins bietet der VDR heute mehr Möglichkeiten denn je. Vom Empfang über DVB, IPTV oder SAT>IP,, über das automatische Aufzeichnen, um nie mehr die Lieblingssendung zu verpassen, bis hin zu verschiedensten Ausgabemöglichkeiten auf dem heimischen TV – das alles ohne irgendwelche DRM-Schikanen. (Mitarbeit: Tobias Grimm, Mirko Dölle) (ps)

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