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Shooter-Erlebnis für Bundestagsabgeordnete [Update]

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Drei junge Medienpolitiker der schwarz-gelben Koalition wollen alle 622 Abgeordneten des Parlaments zu einem Computerspiele-Wettbewerb im Herbst einladen, um Berührungsängste abzubauen und direkte Einblicke in eine Jugendkultur zu geben. Angesprochen würden auch bewusst "Politiker, die bisher eher über undifferenzierte Betrachtungsweise des Themas aufgefallen sind", erklärte Jimmy Schulz, Obmann der FDP-Bundestagsfraktion in der Enquete-Kommission "Internet und digitale Gesellschaft" am gestrigen Montag in Berlin. "Wir dürfen uns nicht nur die Risiken eines bestimmten Bereichs angucken", ergänzte sein Fraktionskollege Manuel Höferlin. Die dritte im Bundes des Vorbereitungsteams, die CSU-Familienexpertin Dorothee Bär, berichtete zudem von positiven Erfahrungen mit einem vergleichbaren Schnuppertag im Bayerischen Landtag im vergangenen Herbst.

Die Initiatoren des Computerspiel-Wettbewerbs für Abgeordnete: Jimmy Schulz (FDP), Dorothee Bär (CSU), Manuel Höferlin (FDP) (v.l.n.r.)

(Bild: Stefan Krempl / heise online)

Die spielebegeisterten Volksvertreter hatten als Ort für die Ankündigung der großen LAN-Party passgerecht die C-Base gewählt. Die "Raumstation" wird seit Jahren von Freifunkern, Hackern und Wikipedianern als Veranstaltungsstätte genutzt. Die Computerspiele-Einführung soll aber direkt im Bundestag stattfinden. "Es werden genug Terminals aufgebaut werden", betonte Bär. "Wir rechnen aber nicht mit einer hundertprozentigen Anwesenheitsquote." Die stellvertretende CSU-Generalsekretärin Bär monierte, dass "bislang immer diejenigen über die Thematik sprechen, die sich noch nie damit beschäftigt haben". Man tue sich schließlich einfacher, "schwarz-weiß zu reden, wenn man keine Ahnung vom Thema hat".

"Wir wollen, dass neue Medien positiv genutzt werden", erläuterte Bär, "Schwester eines Nerds", weiter, die "mit dem Atari und Pong auf dem Fernseher begonnen hat". Sie und ihre Mitstreiter sähen Computerspiele "als Kulturgut". In ihrer Fraktion seien einige Hardliner zwar immer wieder anderer Meinung. Der Großteil der CSU habe das "K-Wort" aber aus seinem Wortschatz getilgt, versicherte die Politologin im Hinblick auf die langjährige Debatte über ein Herstellungs- und Verbreitungsverbot von "Killerspielen". Entsprechende Anträge habe die CSU-Basis auch nicht mitgetragen. Die größte Sorge im Rahmen der LAN-Party dürfte bei vielen Kollegen nun sein, "schlecht abzuschneiden beim Spielen".

"Wenn ein Amoklauf stattfindet oder Jugendliche über die Stränge schlagen, wollen einige Computerspiele als Verursacher heranziehen", räumte der sich der Generation C64 zurechnende Schulz ein. Nun gehe es darum, die Diskussion mit dem Crashkurs zu versachlichen und "durch eigene Erfahrung Berührungsängste abzubauen". Den Organisatoren, die von Spieleverbänden, der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK), der Bundeszentrale für politische Bildung, der Suchtbeauftragten des Bundestags, professionellen Spielern und Medienpädagogen begleitet würden, schwebe ein "Parcours von mehreren Spielen" vor. Neben Denk- und Sportspielen werde sicher auch ein Shooter wie Counter Strike dabei sein. Aspekte wie Spielesucht und Gewaltverherrlichung lasse man zudem "nicht unter den Tisch fallen".

Der "leidenschaftliche Flugsimulant" Höferlin sieht die LAN-Party auch als gute Möglichkeit, "frischen Wind in die Politik zu bringen". Spielen sei ein wesentlicher Bestandteil der Tätigkeiten von Kindern und Jugendlichen. Diese Lebenswirklichkeit könnten manche Abgeordnete bei der Veranstaltung sicher einfacher begreifen. Laut Schulz habe die drei Ideengeber die Initiative bereits mit den Geschäftsführern der Regierungskoalitionen besprochen und ein "sehr positives Echo" erfahren. Wünschenswert sei nun, "dass die anderen Fraktionen die Veranstaltung unterstützen und mittragen".

Für Malte Spitz aus dem Bundesvorstand der Grünen greift der an sich "lobenswerte" Vorschlag aber zu kurz. Statt sich dadurch vor allem der "populistischen Diskussion" über das Für und Wider zu widmen, "sollte lieber endlich konkrete Politik betrieben werden, gerade auch von der Bundesregierung und den Regierungsfraktionen". Es gebe "genug politische Baustellen" zu dem Bereich wie etwa eine Reform des zur "Farce" verkommenen Deutschen Computerspielpreises, die tatkräftige Förderung der hiesigen Branche oder das Abstellen von Abofallen und Problemen beim Weiterverkauf von Spielen und Zubehör. (Stefan Krempl) / (pmz)

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