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Sicherheitskontrollen an Flughäfen weitgehend wirkungslos

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Wissenschaftler der Harvard School of Public Health berichten in ihrem Artikel "Did you pack your bags yourself?" in der neuesten Ausgabe des British Medical Journal, dass es keine wirklichen Belege für die Wirksamkeit der Sicherheitskontrolle an Flughäfen gibt, die seit dem 11.9. 2001 eingeführt wurden. Die USA alleine haben zwischen 2001 und 2005 15 Milliarden US-Dollar für Sicherheitskontrollen an Flughäfen ausgegeben. Weltweit werden jährlich 5,6 Milliarden US-Dollar für die Kontrollen aufgewandt, obgleich es keine umfassende Studie zu deren Bewertung gibt, unabhängig davon, ob es sich um das Röntgen von Passagieren oder Handgepäck oder um Detektoren für Metall oder Sprengstoffe handelt.

Die amerikanische Transportation Security Administration (TSA) etwa rechtfertigt die Sicherheitskontrollen damit, dass durch sie 13 Millionen verbotene Gegenstände entdeckt worden seien. Allerdings könne man nicht sagen, wenden die Wissenschaftler ein, wie viele dieser Gegenstände möglicherweise zur Verursachung eines Schadens hätten führen können. Meist hatte es sich um Feuerzeuge gehandelt. So gebe es keine Belege dafür, dass das Ausziehen der Schuhe, das Abnahmen des Gürtels oder die Konfiszierung kleiner Gegenstände an den Kontrollen irgendwelche Vorfälle verhindert haben.

In einer Mitteilung vom Ende Oktober schreibt die Bundesregierung zur Entwicklung neuer "automatischer Gefahrensucher" wie Terahertz-Sanner oder elektrochemischer Sensoren: "Aber nicht nur Technik soll künftig die Sicherheit an Flughäfen und anderen Verkehrsknotenpunkten erhöhen. Psychologen arbeiten an Verfahren, um auffälliges Verhalten von Personen zu erkennen. Nervöses oder ängstliches Verhalten muss natürlich nicht unbedingt auf einen kriminellen Hintergrund hindeuten. So werden Verhaltensanalysen allein sicher niemals dazu führen, einen Fluggast als potenziellen Attentäter zu überführen. Doch kann diese Methode gut mit anderen kombiniert werden. So ist denkbar, dass auffällige Personen genauer mit einer Terahertz-Kamera abgetastet werden und dies aus größerer Entfernung, ohne dass sie es merken." In Deutschland würde man im Unterschied etwa zu Großbritannien "Verfahren zur Personenüberwachung leicht als Einschränkung unserer persönlichen Freiheit" empfinden. Daher würden Forschungsprojekte zur Entwicklung neuer Überwachungstechniken auch von "sozialwissenschaftlichen und juristischen Studien" begleitet, um zu sehen, wie weit die Freiheit eingeschränkt werden kann oder wie es um die Akzeptanz steht. Symptomatisch ist von einer Überprüfung der Wirksamkeit und Notwendigkeit von Überwachungstechniken auch hier nicht die Rede.

Die Wissenschaftler schlagen vor, die Leistung der Sicherheitskontrollen nach den Kriterien zu überprüfen, mit denen medizinische Untersuchungsprogramme, beispielsweise zur Früherkennung von Krebs, beurteilt werden. Sie würden erst eingeführt werden, wenn sie sich als wirksam erwiesen hätten. Auch bei solchen Früherkennungsprogrammen gebe es das Phänomen, dass zu viele falsch gestellte Diagnosen getroffen werden, die Risikobekämpfung also zu neuen Risiken führt.

Für die Sicherheitsmaßnahmen an Flugplätzen gebe es keine solche – öffentlich bekannte – Evaluierung, obgleich sie teuer sind, die Passagiere Zeit kosten und fragwürdige Techniken wie Backscatter- oder Terahertz-Scanner eingesetzt werden, mit denen sich durch die Kleidung sehen lässt. Überdies seien die Gefährdungen von Flugpassagieren durch terroristische Angriffe äußerst selten. Seit 1969 seien nur 2000 Menschen durch Sprengstoffexplosionen in Flugzeugen gestorben. Selbst die Anschläge vom 11.9. hätten "nur" 3000 Menschen das Leben gekostet, so vielen also, wie täglich an Diabetes sterben. Obgleich die Wahrscheinlichkeit von Anschlägen auf Flugzeuge und Züge etwa gleich sei, stecke man in die Sicherheitskontrollen bei Flugzeugen 1000 Mal mehr Geld als für die bei Zügen. Das sei so, als würde man bei der Mammographie nur eine Brust röntgen und die andere auslassen.

Eingeführt würden die meisten neuen Maßnahmen unmittelbar nach Bekanntwerden neuer Risiken, ohne ihre Wirksamkeit zuvor überprüft zu haben. Viele Maßnahmen seien daher unsinnig. So ließe sich alles, was man in den Schuhen verstecken könne, auch in der Unterhose verstecken. Um wirklich zur Erkennung von realistischen Risiken sinnvolle, kostengünstige und benutzerfreundliche Sicherheitskontrollen ein- und durchführen zu können, sollte die Bewertung der Systeme für die Allgemeinheit und vor allem für die Wissenschaftler offen gelegt werden, fordern die Autoren der Untersuchung. (fr)