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Siemens: Angst vor Stellenabbau wird zum Dauerthema

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Der drohende Abbau tausender Arbeitsplätze sorgt für Unruhe bei den Siemens-Beschäftigten. Fast täglich tröpfeln Informationen über geplante Einschnitte an verschiedensten Standorten des Elektrokonzerns in Deutschland heraus, sodass es selbst Arbeitnehmervertretern mittlerweile schwerfällt, den Überblick zu behalten. Insgesamt wird seit längerem über 10.000 bedrohte Stellen spekuliert. Der Konzern kämpft mit Konjunkturflaute und Problemen bei wichtigen Projekten. Doch Konzernchef Peter Löscher bleibt bisher bei seiner Linie: Stellenabbau sei zwar nicht ausgeschlossen, aber kein Ziel des Milliarden-Sparprogramms "Siemens 2014", erklärt er bereits seit Vorstellung des Programms vor etwa einem halben Jahr. Entsprechend gebe man auch keine Zahlen vor.

Nur für den Industriesektor hatte das Unternehmen kürzlich überraschend einmal eine Rechnung aufgemacht: In dem zweitgrößten Bereich von Siemens stehen laut Spartenchef Siegfried Russwurm weltweit gut 3.000 Jobs auf der Kippe, davon ein Großteil in Vertrieb und Verwaltung des Sektors. Wann alle Maßnahmen definiert sein werden, lässt sich derzeit aber offenbar noch nicht absehen. "Wir sind mitten im Prozess, und der dauert", sagt Peter Kropp, Sprecher des Siemens-Gesamtbetriebsrates. Schlankere bürokratische Strukturen bei Siemens hält er grundsätzlich schon für notwendig. "Man muss sich aber schon fragen, ob angesichts des zweitgrößten Gewinns der Unternehmensgeschichte ein Sechs-Milliarden-Sparprogramm auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen werden muss", sagt der Arbeitnehmervertreter. Da die Informationen dazu nur scheibchenweise kommen, seien die Beschäftigten natürlich beunruhigt.

Aber auch für die Außenwirkung des Elektroriesen ist diese Strategie problematisch, sagt Prof. Joachim Schwalbach, Experte für Unternehmensführung von der Berliner Humboldt-Universität. "Der Abbau von Arbeitsplätzen ist ein höchstsensibler Bereich." Informationen darüber sollten planvoll und erst dann herausgegeben werden, wenn die Details genau feststehen und die Mitarbeiter auch intern bereits darüber Bescheid wissen, "sonst wird natürlich sofort Unsicherheit produziert und das ist Gift für das Unternehmen", sagt Schwalbach. Das Damoklesschwert der drohenden Streichung von Arbeitsplätzen wirke demotivierend. Viele Beschäftigte konzentrierten sich dann nicht mehr auf ihre eigentliche Arbeit; das binde wichtige Kapazitäten, sagt Schwalbach. Das Management müsse diese Probleme lösen. Dabei gelte: "Alles, was das Unternehmensinteresse schwächt oder beschädigt, muss vermieden werden."

Bei der Gewerkschaft herrscht ohnehin Unmut über Siemens' Salamitaktik. "Die Siemens-Beschäftigten werden seit Monaten standortübergreifend durch eine anhaltende Folge von Schreckensmeldungen verunsichert", kritisiert Hagen Reimer vom Siemens-Team der IG Metall. "Niemand weiß zur Zeit, wie lange das noch so weitergeht oder wen es als nächstes treffen könnte. Dass Motivation, Leistungswillen und Produktivität durch solches Vorgehen nicht gerade gesteigert werden, liegt auf der Hand."

Siemens hält all dem entgegen, dass man lediglich genauso vorgehe, wie bei der Jahres-Pressekonferenz im November angekündigt: Die einzelnen Geschäftsbereiche hätten Vorschläge erarbeitet, wie sie effizienter und kostengünstiger arbeiten wollen. Diese würden immer zunächst mit den Arbeitnehmervertretern besprochen, sagte ein Siemens-Sprecher. "Klar ist weiterhin: Wir wollen betriebsbedingte Kündigungen vermeiden."

Ihrem Frust machten derweil am Donnerstag wieder Beschäftigte eines mit Siemens verbundenen Unternehmens Luft: Rund 500 Angestellte protestierten in München gegen die geplante Schließung der Service-Tochter des Netzwerkausrüsters Nokia Siemens Networks. Die Maßnahme steht allerdings nicht mit dem Milliarden-Sparpaket in Zusammenhang und war bereits im Dezember offiziell verkündet worden.

Der nächste Mitarbeiterprotest steht schon bevor: Für kommenden Montag rief die IG Metall Siemens-Beschäftigte verschiedener Münchner Standorte zu einer Demonstration gegen geplante Einschnitte auf. (jss)