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Siemens-Chef Kleinfeld wähnt sich im falschen Film

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Siemens-Chef Klaus Kleinfeld wähnt sich derzeit zuweilen im falschen Film. Den radikalen Umbau von Deutschlands größtem Elektrokonzern hat er nach eigener Einschätzung fast abgeschlossen, die Gewinne sprudeln, und zuletzt steigerte das Unternehmen den Umsatz um satte zwölf Milliarden Euro. Doch statt über sein Lieblingsthema Megatrends sprechen zu können, von denen Siemens stark profitiere, muss Kleinfeld vor allem wegen der Schmiergeldaffäre fast im Wochentakt Hiobsbotschaften verkünden. "Man wünscht sich ja, in manchen Filmen des Lebens nicht dabei zu sein", sagte er der dpa. "Wenn man aber nun einmal drin ist, bleibt nur, klar das Zepter des Handelns in die Hand zu nehmen." Durch ein rigoroses Vorgehen in der Affäre und den Verweis auf Erfolge beim Umbau will Kleinfeld zurück in die Offensive.

In seinen zwei Jahren als Vorstandschef hat der gebürtige Bremer Kleinfeld eine emotionale Achterbahnfahrt hinter sich. Nach seiner Berufung zum Nachfolger Heinrich von Pierers wurde Kleinfeld, nach der BenQ-Pleite für viele der Buhmann, vom manager magazin noch als "Wunderknabe" begrüßt. Der Hoffnungsträger, der zuvor unter anderem das US-Geschäft von Siemens auf Vordermann gebracht hatte, fand den Konzern Anfang 2005 aber nicht gerade in Bestverfassung vor. 25 bis 30 Prozent des Geschäfts seien wegen der Probleme im Arbeitsgebiet Information und Kommunikation in einer schwierigen Situation gewesen. "Da besteht immer die Gefahr, dass dieser Teil den Rest des Unternehmens mit nach unten zieht." Die Restrukturierung fiel vielfach schmerzhaft aus.

Trotz der Schmiergeldaffäre – die schwerste Krise in der Geschichte von Siemens – präsentiert sich Kleinfeld derzeit aber gut gelaunt und selbstbewusst. Zum einen wird ihm die Finanzaffäre kaum persönlich angelastet. Als das System schwarzer Kassen bei Siemens aufgebaut worden sein soll, war er unter anderem für den Konzern weit weg in den USA. Zudem steht er kurz vor einem kleinen persönlichen Triumph: Dank drastischer Schritte wird er sein Ziel wohl erreichen, bis zum Frühjahr alle Geschäftsbereiche in die ehrgeizigen Zielmargen zu bringen. Die Renditevorgaben hatte schon sein Vorgänger Heinrich von Pierer aufgestellt, die Umsetzung aber nicht geschafft.

Als Kleinfeld dies nun kurz nach seinem Antritt für das Frühjahr 2007 versprochen hatte, waren viele skeptisch. Doch nun konnte er im Gespräch mit der dpa verkünden, dass der Konzern kurz vor dem Ziel ist: "Im Hinblick auf die endgültige Zielerreichung im April sind wir gut unterwegs." Für Siemens ist das durchaus eine kleine Revolution. Auch altgediente Siemensianer erinnern sich kaum an eine Zeit, in der einmal alle Sparten gleichzeitig profitabel und auf Kurs waren.

Für die teils drastischen Einschnitte, die dies ermöglichten, hat Kleinfeld auch viel Kritik eingesteckt. Nur ein Jahr nach dem von ihm durchgedrückten Verkauf der verlustreichen Handysparte an den taiwanischen BenQ-Konzern ging BenQ Mobile mit 3000 Beschäftigten in Deutschland pleite. Siemens habe sich ohne Rücksicht auf die Mitarbeiter seiner Verantwortung entledigt, klagten Arbeitnehmervertreter. Allerdings hatten unmittelbar nach dem Verkauf an BenQ viele im Konzern gehofft, dass die Handysparte unter der neuen Führung der im Verbrauchergeschäft erfolgreichen Asiaten auf die Beine kommt. Kleinfeld weist denn die Verantwortung für das Desaster vor allem dem BenQ-Konzern zu. "Dass es so gelaufen ist, ist eine große Enttäuschung und extrem ärgerlich."

Dennoch muss sich Kleinfeld immer wieder den Vorwurf anhören, er betreibe reines, kurzfristig angelegtes Portfoliomanagement. Sparten, denen es gerade schlecht geht, würden abgestoßen, statt mühsam saniert. Kleinfeld, der früher unter anderem die Siemens-Unternehmensberatung geleitet hatte, weist den Vorwurf zurück. "Das ist eines der größten Missverständnisse." Vielmehr sei für ihn die wichtigste Devise: "Unternehmenswert schafft man nur über Kundennutzen." Auch langfristig stehe der Konzern "extrem gut da", sagt der passionierte Marathonläufer.

Ob die gute Performance seine Chancen auf eine baldige Vertragsverlängerung verbessert, will Kleinfeld nicht beurteilen. Seit 1987 arbeitet er für Siemens, wo er schnell Karriere machte. Sein Kontrakt als Vorstandschef läuft im Herbst aus. Eine Verlängerung wäre schon seit einigen Monaten möglich. Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer ergriff bisher aber noch keine Schritte. Darüber werde zu gegebener Zeit entschieden, sagte er. Auch Kleinfeld will sich nicht äußern: "Eine Vertragsverlängerung obliegt dem Aufsichtsrat." Seine Beziehung zu Pierer jedenfalls sei ungetrübt. "Das Verhältnis ist gut und vertrauensvoll." Der Aufbau des Systems schwarzer Kassen fiel in die Zeit Pierers als Vorstandschef. Daher hatten bei der jüngsten Hauptversammlung einige Anteilseigner bezweifelt, dass Pierer der richtige Mann sei, die Affäre aufzuklären. Zu den Rücktrittsforderungen an die Adresse Pierers sagt Kleinfeld: "Politische Verantwortung in einem wirtschaftlichen Umfeld zu fordern, ist deplatziert." (Axel Höpner, dpa) / (jk)

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