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Skepsis bei Biometrie angebracht

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Die Grundsatzentscheidung zur Aufrüstung von Pässen und Personalausweisen mit digital gespeicherten biometrischen Daten -- Fingerabdruck, Handgeometrie oder Gesichtsmerkmalen -- ist mit dem am 14. Dezember vom Bundestag gegen die Stimmen von FDP und PDS verabschiedeten und Anfang des Jahres in Kraft getretenen Terrorismusbekämpfungsgesetz gefallen. Jetzt bringt eine selbst angeforderte Expertise die Parlamentarier in Verlegenheit. "Die Leistungsfähigkeit verfügbarer biometrischer Systeme ist auf der Basis der -- oftmals äußerst widersprüchlichen -- Informationen nicht seriös einzuschätzen", fasst das Büro für Technikfolgenabschätzung (TAB) beim Deutschen Bundestag seine Erkenntnisse zusammen. "Für Verwirrung sorgt häufig die unscharfe Trennung zwischen möglichem Potenzial und augenblicklicher tatsächlicher Kapazität."

Das TAB ist eine 1990 gegründete Einrichtung, die auf Anforderung des Forschungsausschusses zu speziellen Themen die Parlamentarier mit Berichten und Analysen über wissenschaftlich-technische Entwicklungen und die politischen Handlungsoptionen informiert. Es zieht dazu in der Regel den externen Sachverstand unabhängiger Experten heran. So liegen dem Sachstandsbericht zur Biometrie, der in dieser Woche veröffentlicht wird, Gutachten der Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände (VZBV), des Instituts für biometrische Identifikationssysteme (IBIS) an der Fachhochschule Gießen-Friedberg, der Platanista GmbH und des Unabhängigen Landeszentrums für Datenschutz Schleswig-Holstein (ULD-SH) zu Grunde.

Nach Ansicht der Autoren, Thomas Petermann und Arnold Sauter, befinden sich die biometrischen Systeme und Verfahren vermutlich in einer entscheidenden Phase der Diffusion. "Durch das 'Terrorismusbekämpfungsgesetz' ist die Tür zum Markt der Sicherheitstechnologien weiter geöffnet worden. Sollte in Deutschland (und Europa) durch staatliche Verfahren ein Masseneinsatz von biometrischen Systemen angestoßen werden, so würde dies voraussichtlich Signalwirkungen für andere Anwendungsfelder in der Wirtschaft und im privaten Bereich haben." Doch "insbesondere dann, wenn es um einen weit reichenden, große Nutzergruppen -- ob freiwillig oder verpflichtend -- einbeziehenden Einsatz biometrischer Systeme geht, z.B. im Rahmen der Ausrüstung von Ausweispapieren, müssen höchste Ansprüche an eine substantiierte Evaluation der in Frage kommenden Systeme gestellt werden". Die Unterschiede in Entwicklungsstand und Praxisreife sowie insbesondere das Fehlen eines allgemein anerkannten Bewertungsstandards machten jedoch "eine vergleichende Evaluation schwierig", heißt es in dem 118-seitigen Papier. Berichten über die mittlerweile erreichte hohe Genauigkeit und Zuverlässigkeit biometrischer Systeme sei daher "nach wie vor mit Skepsis zu begegnen". Vor diesem Hintergrund weist das TAB auf den erheblichen Bedarf "an Forschung, Information, Diskussion und Aufklärung" hin. Vor allem sollten die biometrischen Verfahren "vor einer breiten Markteinführung einer umfassenden Risikoanalyse unterzogen werden". (Richard Sietmann) / (jk)

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