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"Smart-Ort" statt Tatort: Polizei geht im Norden digital auf Verbrecherjagd

Informatiker und Ingenieure sollen Ermittlern in Schleswig-Holstein digitale Spuren von Kriminellen beschaffen.

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"Smart-Ort" statt Tatort: Polizei geht im Norden digital auf Verbrecherjagd

(Bild: dpa / Jens Büttner)

Ein Staubsaug-Roboter, der einen nächtlichen Einbrecher mit seiner Kamera überführt, ein "mithörender" Sprachassistent, der ein Alibi widerlegt? Schleswig-Holsteins Polizei setzt bei der Aufklärung von Verbrechern künftig stärker auf solche Daten. "Digitale Spuren hinterlässt ein Täter immer, ob er will oder nicht", sagte der Leiter des Dezernats "Cybercrime und digitale Spuren", Alexander Hahn, am Mittwoch zur Vorstellung eines geplanten Kompetenzzentrums.

Dort will das Landeskriminalamt künftig mit Informatikern und Ingenieuren daran tüfteln, digitale Spuren künftig besser für die Ermittlungsarbeit nutzen zu können. "Das ist Grundlagenforschung", sagte Hahn. Insgesamt 20 Stellen sind geplant – 12 im Kompetenzzentrum, der Rest in den einzelnen Polizeidirektionen und in der Polizeischule. Das Wissen um neue digitale Strukturen müsse Eingang finden in polizeiliches Denken, sagte Hahn. Bereits im August haben die ersten fünf Studenten ein in Kooperation mit der Fachhochschule Kiel gestartetes duales Studium Informationstechnik begonnen.

Innenstaatssekretär Torsten Geerdts (CDU) sagte der dpa, für das Kompetenzzentrum veranschlage die Landesregierung etwa 1,3 Millionen Euro Personalkosten pro Jahr. "Hinzu kommen Ausbildungs- und Ausrüstungskosten von etwa 350.000 Euro." Die Koalition werde die Mittel mit dem kommenden Haushalt auf den Weg bringen.

Polizeiexperte Hahn sieht in dem Projekt großes Potenzial. "Wir können die Aussage eines Täters, dass er sich zu einem bestimmten Zeitpunkt in seiner Wohnung aufgehalten hat, vielleicht mit Hilfe dieser digitalen Spuren widerlegen oder bestätigen." Das könnten smarte Stromzähler sein, die das Einschalten des Lichts registrieren, oder ein Smart-TV.

"Denn digitale Spuren sind omnipräsent", sagte Hahn. Ermittler sprächen deshalb vom "Smart-Ort" statt Tatort. Er verwies auf Beispiele, wie smarte Gehstöcke, die mit GPS ausgestattet sind und bei der Suche nach vermissten Senioren helfen können, die umfangreiche Technik moderner Autos und Saugroboter, deren Kameras auch Aufnahmen im Dunkeln erlaubten und theoretisch somit nächtliche Einbrecher überführen könnten. All diese Geräte können mit ihren Daten helfen, Verbrechen aufzuklären. "Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt", sagte Hahn.

In Schleswig-Holstein hat die digitale Spurensuche den Ermittlern bereits wichtige Erkenntnisse geliefert, beispielsweise im Fall des gewaltsamen Todes des Nachwuchsboxers Tunahan Keser. Trotz anderslautender Aussagen eines Fahrzeugherstellers konnten die Kieler Ermittler die gesamte Strecke, die der Wagen des Opfers am fraglichen Tag zurücklegte, nachverfolgen. "Da waren noch Navigationsdaten drin", sagte der IT-Forensiker Jörg Kalus. Die extern eingestellten Spezialisten sollen den Ermittlern helfen, an solche Daten zu gelangen.

Hahn hofft, dass noch in diesem Jahr erste Experten eingestellt werden, die Arbeit im kommenden Jahr richtig losgehen kann. Zunächst sollen die IT-Experten nur bei Tötungsdelikten helfen. Später will die Polizei die digitale Spurensuche auf Sexual- und Raubstraftaten ausweiten. Organisatorisch wähnt der Beamte das LKA in Kiel bundesweit in führender Stellung. Ein derartiges Zentrum sei ihm "aus keinem anderen Bundesland bekannt". (dpa) / (anw)

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