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Smarte Wohnung: Altmaier fordert europäisches Pendant zu Alexa

In ein oder zwei Jahren werden alle Geräte durch Sprache gesteuert, glaubt der Wirtschaftsminister. Es wurmt ihn, dass Amazon hier die Nase vorn hat.

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Alexa

(Bild: petrmalinak / shutterstock.com)

Es ist eines der für den Technikstandort Deutschland typischen Beispiele, die Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier auf die Palme bringen. "In ein oder zwei Jahren sind alle Geräte durch Sprachsteuerung zu bedienen", prognostizierte der CDU-Politiker am Mittwoch auf einer Veranstaltung des Kabelnetzbetreiberverbands Anga zur "Smarten Wohnung" in Berlin. Entwickelt worden sei die Technologie am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI), doch "andere machen jetzt den Reibach".

Mit "anderen" meint Altmaier in dem Fall vor allem Amazon mit seinem intelligenten Echo-Lautsprecher und der Sprachassistentin Alexa, hinter denen ein komplexes System für Künstliche Intelligenz (KI) steht. Letztere ist für ihn "die größte Basisinnovation seit Erfindung der Dampfmaschine", die auch im Heimbereich zu einem "Systemwechsel" führen werde.

"Wie viel Wertschöpfung ist bei Alexa in deutschen Kassen?", wollte der Minister daher von seinen Mitarbeitern wissen. Zugleich habe er sie nach ernstzunehmender Konkurrenz für die smarte Box aus Europa oder Deutschland gefragt. Die Antwort habe aber nur in einem "verlegenen Hüsteln" bestanden und dem Hinweis, dass daran gearbeitet werde.

Dass es für die anfangs belächelte, nun aber jeden Monat mehr könnende Alexa auf dem alten Kontinent noch kein Pendant gibt, ist für den Saarländer ein Unding. "Wir können nicht ewig warten, wir müssen jetzt loslegen", forderte er. "Haben wir den Hunger, in diesem neuen Bereich mitzumischen?", treibt ihn als Frage um. Allein mit Alexa werde schon "vieles anders". So mache sich mittlerweile selbst der Sparkassenverbund Gedanken darüber, das Ding für Banküberweisungen zu nutzen. Denkbar sei gar, dass die Leute damit das Schreiben verlernten.

Alexa findet sich in smarten Lautsprechern vieler Hersteller. Auch der Google Assistant wird verbaut.
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Ein Hoffnungsschimmer bleibt Altmaier noch: International sei "noch nicht ganz entschieden", wer den Markt für Sprachassistenten und das Smarthome beherrschen werde. "Es wird am Ende für alle diese Anwendungen im Haus ein Gehirn geben", meint der Ressortchef. Wer dieses anbiete, übernehme den Führersitz. Die Bundesregierung wolle hier einen "Leitmarkt" entwickeln und internationale Standards vorantreiben. "Aber dafür müssen wir Smart Living made in Germany erstmal haben."

Eine einschlägige Wirtschaftsinitiative und Kooperationsplattform sei im März 2017 an den Start gegangen, sagte der Minister. Auch das "Leuchtturm-Vorhaben" Sense, das für "semantisches interoperables Smarthome" stehe, sei bereits am Laufen. Über den damit vorangetriebenen Regler würden sich eines Tages beliebige Anwendungen im intelligenten Zuhause bedienen und ansprechen lassen. Auch der Grundstein für den Einbau von "Smart Meter" in Häusern und Wohnungen sei spätestens mit der jüngst erfolgten ersten Zertifizierung eines solchen Systems gelegt. Diese Schnittstelle für den Datenverkehr nach innen und außen sei eine der Voraussetzungen für viele Smart-Living-Apps.

Der Nutzen von Alexa & Co. "beruht auf der Analyse sensibler Daten", ist Altmaier nicht entgangen. Leider existierten die großen Internetplattformen in Europa nicht, die solche Messwerte und Informationen zuhauf sammelten und damit "der KI das Laufen lehren". Andererseits sei vielen unwohl bei der Vorstellung, dass sie nicht mehr Herr über ihre Daten seien. Deutschland müsse daher versuchen, hier eine "Vorreiterrolle in puncto Sicherheit einzunehmen".

Peter Altmaiers Heim ist weniger smart.

(Bild: Stefan Krempl)

Persönlich interessierten ihn Spielereien wie der schlaue Kühlschrank, der Milch nachbestelle, nicht, verriet der Christdemokrat. Er habe sich aber eine App einbauen lassen, um den Heizkessel aus der Ferne runter- oder hochstellen zu können. Er habe auch nur zwei Jahre gebraucht, um diese in Betrieb zu nehmen: "Keiner wusste, wo das Passwort abgelegt war." Ein Ministerkollege könne sogar bereits die Haustür per App überwachen und etwa für Paketboten öffnen. Neben Komfort und Sicherheit seien Gesundheitsfunktionen rund um altersgerechtes Wohnen ein Treiber fürs smarte Heim: Damit lasse sich die Zahl derer reduzieren, die sonst im Schlaf verstorben wären.

Es sei wichtig, dass die Wertschöpfung nicht nur in Seattle oder Cupertino passiere, pflichtete Axel Gedaschko, Präsident des Bundesverbands deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen (GdW), Altmaier bei. Smart Home sei kein Selbstzweck, da es etwa eine bezahlbare Energieeffizienz ohne das intelligente Heim nicht geben werde. Der Minister hatte hier einen Verbund mehrere Häuser in der Nachbarschaft über gemeinsame Speicher für Energie aus Photovoltaik-Anlagen ins Spiel gebracht, damit darüber gewonnener Strom etwa im Urlaub nicht einfach ins Netz eingespeist werden müsse und so die Preise kaputt mache.

"Die Alexas und Siris können Englisch sehr gut", verwies GdW-Geschäftsführerin Ingeborg Esser auf eine Marktlücke bei den Sprachassistenten. Mit "europäischen Dialekten" hätten sie aber Probleme. Sonst hält die Branchenkennerin neben technikaffinen Jüngeren Senioren und Pflegebedürftige für eine wichtige Zielgruppe: "Wir gucken mit der Toilettenspülung, ob sie ihrem geregelten Tagesablauf nachgehen."

Die Kabelnetzbetreiber wollten nicht nur für eine "leistungsfähigere Breitbanderschließung der Gebäude" sorgen, sondern zunehmend in Kooperation mit der Wohnungswirtschaft als "Multimediaversorger" auch "die Kommunikation mit den Mietern und die Vernetzung der Bestände technisch unterstützen", betonte Anga-Präsident Thomas Braun. "Wir haben einen Smart Infoscreen eingeführt", brachte Timm Degenhardt von Tele Columbus ein Beispiel. Dieser ersetze das schwarze Brett am Gebäudeeingang, sei aber etwa auch über den Fernseher abrufbar. Auch "Telemetrie-Lösungen zur Heizungssteuerung" habe die Kabelfirma bereits im Angebot.

Von Experimenten mit intelligenten Assistenten, die beim Abschied auf Wiedersehen sagen, den Bewegungsmelder anstellen oder über vernetzte Rauchmelder mit integriertem Multisensor die Luftfeuchte messen, berichtete Thomas Wöckel von der Baugenossenschaft Flüwo. Auch elektronische Schließsysteme wolle man austesten. Beim Wohnungsunternehmen Vonovia liegt laut Produktmanager Alexander Weihe der Fokus aktuell auf "Smart Building" in intelligenten Quartieren. Da verbaute Heizungen und Aufzüge nicht mehr alle taufrisch seien, wünscht er sich von diesen möglichst frühzeitig Hinweise auf baldige Störungen. (olb)

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