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Snowden-Film Citizenfour: Die Freiheit zurückerobern

Während Edward Snowden mit zwei Journalisten von Hongkong aus die ersten NSA-Dokumente veröffentlicht, hält die Filmemacherin Laura Poitras mit ihrer Kamera drauf. Das dabei entstandene Material steht nun im Zentrum ihres Films "Citizenfour".

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Edward Snowden und Glenn Greenwald in Hongkong

(Bild: © Praxis Films)

"Ich erinnere mich an das Internet, als es noch nicht überwacht wurde." Mit ernstem Gesicht sitzt Edward Snowden auf dem Bett und wägt jedes Wort ab. In einem Hotel in Honkong erklärt er den Guardian-Journalisten Glenn Greenwald und Ewen MacAskil, warum er mit ihnen die NSA-Machenschaften öffentlich machen will. Snowden hält das Internet für die wohl großartigste Sache der Geschichte. Alle konnten frei kommunizieren. Dann kam die NSA. Nun will er verhindern helfen, dass das Netz zum Werkzeug einer Diktatur wird.

Das Gesicht des Skandals

Mit im Zimmer: Dokumentarfilmerin Laura Poitras und ihre Kamera. Sie hat schon mit "My Country, My Country" und "The Oath" nachgezeichnet, was schiefgelaufen ist nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Auf die Filme über den Irak und Guantánamo sollte ein dritter folgen, der sich mit dem US-Überwachungsapparat beschäftigt. Doch lange fehlte ihr ein Gesicht für ihre Geschichte. Das änderte sich, als Poitras Ende 2012 eine verschlüsselte E-Mail erhielt von einem gewissen "Citizenfour". Unter diesem Pseudonym trat Edward Snowden in ihr Leben und wurde später das Gesicht des NSA-Skandals.

Der erste Trailer für "Citizenfour"

Wie in ihren früheren Filmen überlässt es Poitras in "Citizenfour", der vom NDR und BR koproduziert wurde und am 6. November in die deutschen Kinos kommen soll, den Protagonisten, die Geschichte zu erzählen. Zu Wort kommen nicht nur Edward Snowden, sondern auch Glenn Greenwald, der NSA-Whistleblower William Binney und andere Überwachungskritiker. Die Gegenseite repräsentieren der damalige NSA-Direktor Keith Alexander und US-Geheimdienstkoordinator James Clapper. Ihre Aussagen im Film sind inzwischen längst als Lüge enttarnt.

Die Filmemacherin selbst leiht Citizenfour ihre Stimme: Potras liest die E-Mails vor, die ihr Snowden schickte, bevor er in das erste Treffen einwilligte. Sie scheint Snowden so nahe zu kommen wie kein anderer Journalist, lässt dadurch aber auch Distanz vermissen. Poitras kann ihre Sympathien für Snowden nicht verhehlen, seinen Ausführungen stellt sie die offensichtlichen Lügen der Regierungsvertreter entgegen. Auf die Frage, ob Snowden Held oder Verräter ist – in den USA immer noch Gegenstand heftiger Debatten – hat Poitras eine eindeutige Antwort. Aber auch ihr gelingt es nicht, Snowden die Kamera vergessen zu lassen. Langsam wägt er jedes Wort genau ab.

NSA-Skandal

Die NSA, der britische GCHQ und andere westliche Geheimdienste greifen in großem Umfang internationale Kommunikation ab, spionieren Unternehmen sowie staatliche Stellen aus und verpflichten Dienstleister im Geheimen zur Kooperation. Einzelheiten dazu hat Edward Snowden enthüllt.

Von Anfang bis Ende

Die Geschichte der Snowden-Enthüllungen erzählt der Film chronologisch. Bevor der Whistleblower selbst zu Wort kommt, verweisen Binney und der Aktivist Jacob Appelbaum auf die Gefahren der Überwachung. Damit legen sie die Grundlage für die Szene in dem Hotelzimmer. Hier kann er nicht nur seine Motivation erklären, erstmals wird auch die Tragweite des Materials deutlich. Snowden hat keine Angst vor den Konsequenzen seiner Veröffentlichung. Poitras gelingt hier ein intimes Porträt jener Tage, in denen der NSA-Skandal seinen Anfang nahm.

Nachdem Snowden sich öffentlich bekannt hatte, verschwand er aus Hongkong und dem Blickfeld von Poitras' Kamera. Der Film wendet sich nun den Konsequenzen zu. In einem der erschütterndsten Momente erklärt Ladar Levison von Lavabit vor dem Europaparlament, warum er lieber seinen E-Mail-Dienst geschlossen hat, als das Vertrauen seiner Kunden zu enttäuschen. Ein Happy-End gibt es nicht, aber immerhin einen kleinen Hoffnungsschimmer für Snowden: Seine Freundin ist zu ihm ins Exil nach Moskau gezogen. Der Whistleblower ist nicht mehr allein.

Ein zweiter Whistleblower

Auf neue Enthüllungen kommt es Poitras nicht an. Die werden lediglich angedeutet: Wohl um den Ohren der russischen Regierung zu entgehen, reicht Glenn Greenwald Snowden bei einem Treffen mehrere Zettel. Snowden ist die Erschütterung anzusehen: Offenbar überwacht die NSA andauernd 1,2 Millionen Menschen. "Die Bevölkerung eines ganzen Staates." Diese – teilweise bekannten – Informationen stammen nicht aus Snowdens Dokumenten, sondern aus einer anderen Quelle, die offenbar noch weitreichenderen Zugang hat. Snowden hat einen Mitstreiter.

Laura Poitras

(Bild: © Praxis Films)

Letztlich schafft es auch "Citizenfour" nicht, die allgegenwärtige Überwachung greifbar zu machen. Doch Poitras zeigt eindrücklich, wie schon der bloße Verdacht, überwacht zu werden, unfrei macht. Während ihres konspirativen Treffens in Hongkong fürchten die Journalisten und Snowden ständig, gefunden zu werden. Bevor sie miteinander reden, müssen erst Kabel herausgezogen und Funkverbindungen gekappt werden. Die Privatsphäre schützen, heißt die persönliche Freiheit schützen, sagt Jacob Appelbaum später. Diese Freiheit gilt es zurückzuerobern, meint Citizenfour. (mho)

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