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So starb "Elwis": Hintergründe zu Lidls SAP-Rückzug

Die Anpassung war zu teuer - Lidl verzichtet nach kolossaler Vorarbeit auf Warenwirtschafts-Software von SAP.

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Hintergründe zu Lidls SAP-Rückzug

Der Vorstand der Handelskette Lidl hat beschlossen, für die Warenwirtschaft des Konzerns nicht die aufwändig angepasste SAP-Anwendung Elwis zu nutzen, sondern doch lieber die bisher verwendete hauseigene Software mit Bordmitteln weiter zu entwickeln.

Die Handelskette hatte 2011, wenige Monate, nachdem SAP erstmals Anwendungssoftware auf der Basis seiner taufrischen In-Memory-Datenbank HANA vorgestellt hatte, das Projekt zur Umstellung ihrer Warenwirtschaft auf diese Technik gestartet. An der Entscheidung war außer SAP und Lidl die Unternehmensberatung KPS Consulting als Implementierungspartner beteiligt. Doch dann teilte der Lidl-Vorstand mit, dass sich "die ursprünglich definierten strategischen Ziele nicht mit vertretbaren Aufwand" realisieren ließen und zog die Reißleine. Bis jetzt hat das Vorhaben über fast sieben Jahre hinweg rund 500 Millionen Euro verschlungen.

Die neu erstellte Anwendung namens Elwis (elektronisches Lidl-Warenwirtschaftsinformationssystem) auf Basis des SAP-Pakets Retail tritt die Nachfolge von 90 bestehenden, mit der Lidl-Umgebung Gupta entwickelten Modulen für Einkauf, Filialsteuerung, Logistik und Angebots-Abwicklung an, die über mehr als 50 Schnittstellen mit anderen Anwendungen bei dem Discounter und dessen Partnern kooperieren.

Elwis sollte außerdem als zentrales Verwaltungswerkzeug die Handhabung der Stammdaten für mehr als 10.000 Filialen und 140 Logistikzentren vereinfachen. Dabei sollte die Software aber nicht von etablierten Praktiken abweichen, etwa dem Lidl-Konzept, Warenbestände anhand von Verkaufspreisen zu bewerten. SAP Retail kalkuliert von Haus aus nur mit Einkaufspreisen, musste für Lidls Bedürfnisse also mit viel Aufwand umgestrickt werden. Für diese Arbeiten strapazierten zusätzlich zur Softwareintegration zahlreiche Arbeitsstunden auch von externen Beratern das Budget.

Lidl hat das System mit dem derzeitigen Entwicklungsstand in seinen österreichischen, nordirischen und US-amerikanischen Niederlassungen eingerichtet. KPS will den Zeitplan für diese Einführungen punktgenau eingehalten haben, wollte gegenüber heise online aber darüber hinaus keine Stellung nehmen. Einige Beobachter suggerieren, die Software sei nicht als reif für den Einsatz in umsatzstärkeren Ländern erschienen – Wasser auf die Mühlen von SAP-Konkurrenten, die Anwendungen auf Basis der In-Memory-Datenbank HANA zu wenig Power für operative Transaktionssysteme zutrauen.

Wie die Lebensmittelzeitung kommentiert, ist die Umstellung auf SAP HANA/Retail aber nicht unbedingt eine Totgeburt: Demnach ist das Paket seit 2016 erfolgreich im Einsatz bei Aldi Nord. (hps)

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