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Social Media in der aktiven Polizeiarbeit

Bislang nutzen deutsche Polizeien Twitter & Co zur Außendarstellung und Nachwuchsgewinnung. Mit rsNetMAn soll sich das ändern, wenn sicherheitskritische Lagebilder aus dem "Social Web" direkt in die Polizeiarbeit integriert werden.

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Bodycam

(Bild: dpa, Archiv)

Auf dem diesmal in Wiesbaden stattfindenden Polizeitag des Behörden-Spiegels und der Gewerkschaft der Polizei war Big Data das große Thema. Die Datenflut und die Datenqualität wurden diskutiert, ein bisschen auch der Datenschutz. Die bemerkenswerteste Produktvorstellung kam von rola Security mit rsNetMAn, einem in der Cloud verankerten Tool für die Integration von Social Media in der alltäglichen Polizeiarbeit.

Wenn das Bundeskriminalamt mit seinem Hinweisportal ein Upload-Tool zur Dokumentation deutscher Hooligan-Taten ins Web stellt, können 65 Uploads von Handy-Filmchen bequem von einem Beamten gesichtet werden. Das System kommt aber an seine Grenzen, wenn wie vor dem Brexit geplant 56.000 Polizeibeamte in Großbritannien mit Bodycams ausgerüstet werden, davon 22.000 allein bei der Londoner Metropolitan Police. Diese Datenflut von mehreren Terabytes pro Tag kann nur noch mit automatisierten Verfahren durchsucht und in der Cloud gespeichert werden. Mit dem thematischen Dreischritt "Datenflut – Datenschutz – Datenqualität" suchte der Wiesbadener Polizeitag darum nach Antworten für die Polizeiarbeit von heute und in der nahen Zukunft.

Mit dabei das Big-Data-Lieblingsbaby deutscher Polizeien, die Software Precobs vom Oberhausener Institut für musterbasierte Prognosetechnik. Sie ist mittlerweile in München, Mittelfranken, Stuttgart und Karlsruhe im Einsatz, um Einbruchsmuster vorherzusagen. In Zürich, wo Precobs am längsten und mit großen Erfolgen im Einsatz ist, wagt man sich beim "predictive Policing" schon weiter, wie Firmenchef Thomas Schweer auf dem Polizeitag berichtete. Zusammen mit der Schweizer Firma Futurelab arbeitet man an einem System, das die Aktionen von "Graffitti-Sprayerbanden" vorhersagen soll. Dabei spielt, anders als beim Einbruchs-Precobs, Social Media eine Rolle. So sollen sich Sprayerbanden aus der Schweiz und Portugal via Facebook verabredet haben, in Mailand die Stadt zu verzieren.

Wer Daten freiwillig öffentlich teilt, ist auch mit der Auswertung durch die Polizei einverstanden, heißt es.

(Bild: Detlef Borchers)

Kampfmittelräumung und Internet scheinen weit auseinander zu liegen. Doch wenn irgendwo in Deutschland eine Bombe entschärft werden muss, wird das in den sozialen Medien sofort gemeldet und diskutiert. Die Deutsche Telekom, deren Kabel überall verbuddelt sind, suchte darum nach einem Tool, möglichst frühzeitig diese potenziellen Störungen zu entdecken und wurde beim Luxemburger Start-Up Talkwalker fündig. Aus der Marketing-Analysesoftware über das Image von Firmen strickte man nicht nur den Kampfmittelräumdienstmelder, sondern gleich noch ein Tool für die Bewertung von Telekom-Mitarbeitern.

Unmittelbarer Anlass waren Meldungen von Linksunten/Indymedia, nach denen Mitarbeiter des Konzerns bei rechtsradikalen Versammlungen gesichtet wurden. Mittlerweile heißt die luxemburgisch-deutsche Software rsNetMAn und kann an das Fallbearbeitungssystem der Polizei, rsCASE angeflanscht werden. Immer im Hintergrund der Software von rola: die Telekom-Cloud. 1500 Server in Telekom-Rechenzentren sichten 150 Millionen Webseiten und 500 Millionen Tweets am Tag, berichtete rola-Manager Dirk Linnemann. Seit neuestem ist auch die Symbol-Recherche möglich, mit der man etwa nach ISIS-Flaggen suchen kann. Im nächsten Schritt Schritt sollen rechts- und linksradikale Symbole hinzukommen.

Von den Datenschutzbeauftragten der Telekom wurde die Software abgenommen und genehmigt, denn schließlich stellten alle Nutzer von Twitter, Facebook, Instagram, Snapchat, Pinterest usw. ihre Daten freiwillig ins Netz. Zudem halte man sich streng an die APIs der Firmen, mit denen diese die eigentlichen Geschäfte machten, erläuterte Linnemann das neue Werkzeug der Polizeiarbeit. Ebenso problemlos ist es bei der Bodycam, einem "Exportschlager Hessens", wie Dirk Weingarten als Datenschutzbeauftragter der Polizeiakademie Hessen referierte, stilecht mit Cam-Weste und Blinkenlicht (Achtung, Aufnahme) ausgestattet. Seiner Ansicht nach ist das datenschutzrechtlich geforderte Transparenzgebot polizeilichen Handelns mit der Video-Weste "vorbildlich umgesetzt".

Zudem sei noch kein Gerichtsentscheidung bekannt, die die Beweisführung durch das hessische Zepcam-System in einem Streitfall angezweifelt habe. Angesichts von Nachfolgeprojekten in vielen deutschen Bundesländern sowie den Nachbarstaaten Österreich und Ungarn sprach er von einem "Exportschlager" der niederländischen Firma Zepcam. (Detlef Borchers) / (kbe)

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