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Software AG: Standardsoftware hat keine Zukunft mehr

Karl-Heinz Streibich und Wolfram Jost, führende Manager der Software AG, äußerten sich auf der Innovation World kritisch zum Status quo von Standardsoftware und sehen keine Zukunft für den Desktop.

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Karl-Heinz Streibich, CEO der Software AG

(Bild: Harald Weiss)

"Standardsoftware standardisiert ein Unternehmen – und das ist genau das Gegenteil von dem, was die Unternehmen heute von ihrer IT-Abteilung fordern", rief Karl-Heinz Streibich, CEO der Software AG, in seiner Eröffnungsrede zur diesjährigen Innovation World in New Orleans den rund 1000 Teilnehmern zu. So hätten die großen ERP-Systeme, wie die von SAP und Oracle, vor 20 Jahren den IT-Einsatz in den Unternehmen auf breiter Front vorangebracht; sie hätten auch die Datenstruktur vereinheitlicht und die Geschäftsprozesse standardisiert, doch heute benötigten die Unternehmen IT-Produkte für die Schnittstellen zum Kunden, mit denen sie sich besser von der Konkurrenz unterscheiden können. Doch solche individuellen Anpassungen dauerten lange und seien teuer. "Standardsoftware wurde nicht dafür entwickelt, dass man sie ständig anpassen und neu konfigurieren muss", sagte Wolfram Jost, CTO der Software AG in einem Gespräch mit iX.

Laut Jost sind auch die vielen Standardanwendungen, die jetzt als SaaS-Angebote (Software as a Service) auf den Markt kommen, nicht besser als die althergebrachten Standard-Pakete. "Genau genommen ist SaaS nichts anderes als Standardsoftware, die jetzt aus der Cloud kommt", erläuterte Jost. Hierzu verweist er auf den Cloud-Pionier Salesforce, der einst als ASP (Application Service Provider) startete, dann aber schnell den Cloud-Trend erkannte und ihn für sich vereinnahmte. "Da hat man den Zufall zur Strategie gemacht", sagt er über deren erfolgreiches Unternehmensmodell.

Der Siegeszug der SaaS-Angebote liegt laut Jost vor allem darin begründet, dass Standardsoftware-Nutzung aus der Cloud bedarfsgerechter abgerechnet werden kann, was die TCO (Total Cost of Ownership) spürbar senken kann. Doch was die Anpassungsfähigkeit angeht, so sind die SaaS-Anwendungen aufgrund ihrer Multitenant-Struktur sogar noch wesentlich starrer als jede On-Premise-Standardsoftware.

Folglich betrachte die Software AG die weiteren Aussichten für alle Softwarepakete sehr kritisch. "Im Backoffice haben sie ihre Daseinsberechtigung, und da werden sie auch noch auf viele Jahre hin anzutreffen sein, doch alle Neuentwicklungen haben andere Zielsetzungen und Vorgaben", sagte Jost über die Zukunft der Software-Dinosaurier. Das betreffe vor allem den Zugriff, die Auswertung und die Aufbereitung der Daten, die in den Legacy-Anwendungen stecken. Hiermit ließen sich neue, individuelle Geschäftsmodelle entwickeln, die dem Unternehmen Konkurrenzvorteile verschaffen könnten – und das sei genau das, was die Fachbereiche immer lauter von der IT-Abteilung fordern würde.

Wolfram Jost, CTO der Software AG

(Bild: Harald Weiss)

Das Problem dabei sei jedoch, dass die Entwicklung von Individual-Software in vielen Fällen immer noch zu lange dauere, zu teuer sei und am Ende häufig nicht das abgeliefert werde, was sich die Fachbereiche erhofft hätten. Eine McKinsey-Untersuchung über 5400 IT-Projekte mit einem Wert von mehr als 15 Millionen US-Dollar kommt zu dem Ergebnis, dass 45 Prozent teurer wurden als veranschlagt, dass sieben Prozent den Termin überschritten und dass 56 Prozent nicht das erreichten, was man sich davon erhofft hatte.

An diesem Problem setzt die Software AG mit ihrem Produktportfolio an. Basierend auf der webMethods-Technik werden im Wesentlichen zwei Plattformen angeboten: eine für die agile Softwareentwicklung und eine Integrationsplattform, mit der sich bestehende On-Premise- und Cloud-Anwendungen reibungslos integrieren lassen sollen. Ergänzt wird das alles mit vielen vorgefertigten Services und Adaptern sowie Analyse- und Messaging-Systemen. Das Ganze gibt es sowohl On-Premise- als auch Cloud-basiert.

Mit den Entwicklungshilfen würden die heutigen Vorgaben nach "Mobile und Cloud first" unterstützt. "Niemand entwickelt noch ein System, das nicht auf einem Tablet und aus der Cloud heraus lauffähig ist und nicht Social Media unterstützt", sagte Jost über seine Erfahrungen mit den Kunden der Software AG. Das würde auch viele Vorteile für die klassische Nutzung auf einem Desktop mit sich bringen, denn solche Applikationen wiesen laut Jost einen geringeren TCO sowie mehr Flexibilität auf und böten eine bessere Anpassungsfähigkeit.

"Entwickelt wird auf jeden Fall mit einer Cloud-Architektur, wogegen ein Cloud-Deployment nicht notwendigerweise an oberster Stelle stehen muss", erklärte Jost. Dieser Trend führe auch dazu, dass der Desktop "über kurz oder lang" verschwinden werde. "Die Notwendigkeit für einen Desktop geht zurück, die heute noch vorhandenen lokalen Anwendungen werden immer weniger. Irgendwann ist dann nichts mehr davon vorhanden und der Desktop ist überflüssig geworden", lautet seine Überzeugung über die weitere Entwicklung der PC-Infrastruktur. (ane)