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Softwarepatent-Gegner wittert Schmu bei Europapreis-Verleihung

Florian Müller, Gründer der Initiative NoSoftwarePatents.com, hat jetzt eine ausführliche Begründung für die überraschende Zurückweisung seiner Auszeichnung beim "Europäer des Jahres"-Award abgegeben. Wie er im Slashdot-Journal darlegt, waren ihm bei der Verleihungszeremonie Ende November in Brüssel gute Gründe für die Annahme gekommen, dass bei der Kür der Gewinner nicht alles mit rechten Dingen zugegangen ist. "Die Ergebnisse bestehen den Plausibilitätstest nicht", erhebt Müller schwere Vorwürfe gegen den Ausrichter der renommierten Europa-politischen Auszeichnung, das Brüsseler Magazin European Voice.

Es sei zwar als Erfolg zu werten, dass bei einem von Microsoft mitgesponserten Preis überhaupt zwei von zehn Trophäen an Softwarepatent-Kritiker verliehen wurden, schreibt Müller. Angesichts der Tatsache, dass die Gewinner hauptsächlich über eine offene Online-Abstimmung von den Surfern bestimmt werden sollten, kann sich der Lobby-Experte aber nicht erklären, warum er bei der ihm zuteil gewordenen Unterstützung aus der softwarepatentkritischen Netzgemeinde unter normalen Umständen nicht den Hauptpreis hätte erringen sollen. Zumal er letztlich als Repräsentant einer ganzen Bewegung nominiert worden sei, die hauptsächlich der Förderverein für eine freie Infrastruktur (FFII) ins Leben gerufen habe. Müller führt dazu aus: "Da European Voice nichts über die Wahl veröffentlichte außer den 'Gewinnern' und selbst die vollständige Zahl der abgegebenen Stimmen verheimlichte, fragte ich mich, was mit zehntausenden Stimmen aus unserer Gemeinschaft wohl passiert ist."

Laut dem Softwarepatent-Gegner gibt es "starke Anhaltspunkte" dafür, dass der Veranstalter aus politischen Gründen nicht ihm den Hauptpreis des "Europäer des Jahres" zuerkannt habe, sondern dem Luxemburger Premierminister Jean-Claude Juncker. Müller wurde zum Sieger in der Unterkategorie "Kampagnenführer des Jahres" ernannt. Wäre alles mit rechten Dingen zugegangen, hätte er eigentlich aber auch Juncker aus dem Rennen schlagen müssen, glaubt Müller. Alle Anzeichen hätten darauf hingedeutet, dass "unser Publikum eine solide Mehrheit aller Leute ausgemacht hat", die sich an der Wahl beteiligten.

Müller rechnet für den Beleg dieser Behauptung anhand der Bestätigungsnummern, welche die anfangs Online-Wähler erhielten, im Detail vor, dass der große Schwung an Beteiligten erst nach Medienberichten über die Nominierung eines Softwarepatent-Gegners sowie einem gemeinsamen Wahlaufruf mit mehreren Unterstützern einsetzte. Die Abstimmung dürfte laut Müller demnach fest in der Hand der Anti-Softwarepatentgemeinde gewesen sein. Sonst wäre es ihm sicher auch nicht möglich gewesen, in der ihm zugestandenen Kategorie überhaupt gegen Größen wie den U2-Sänger Bono oder Bob Geldof zu reüssieren. Insgesamt müssten so die meisten Stimmen auf ihn gefallen sein.

Eine Erklärung des Herausgebers der European Voice, wonach jenseits der Online-Wahl auch mehrere tausend Interessierte mit Hilfe von Coupons aus dem Magazin per Brief ihr Votum abgegeben und hauptsächlich für Juncker gestimmt hätten, ist laut Müller angesichts einer Auflage der Zeitung von rund 16.000 Exemplaren kein hinreichender Grund für den Gesamtsieg des Luxemburgers. Zumal es nach Angaben des LiLux-Verbands, einer Organisation für Förderung freier Software in dem kleinen EU-Land, keine bemerkenswerten Wahlaufrufe für Juncker gegeben hat.

Alles zusammengenommen dürfte der Wahlausgang letztlich mysteriös bleiben, schreibt Müller. Die Organisatoren hätten sich für eine "totale Intransparenz in ihrem besten Interesse" entschieden, sodass man das Ergebnis wohl niemals nachprüfen könne. Da er trotz seines Protestes weiter als Gewinner beim Kampagnenpreis auf der Website des Awards gelistet sei, habe er sich entschlossen, das damit verbundene Geld doch anzunehmen und gemäß seiner vorherigen Ankündigung dem FFII zu spenden. Eine entsprechende Bitte zur Überweisung des Preisbetrags an den Münchner Verein habe er dem Veranstalter geschickt.

Eine Anfrage von heise online bei dem zum Economist gehörenden Magazin zwecks einer Stellungnahme zu den Vorwürfen von Müller führte bislang nicht zum Erfolg: Ein versprochener Rückruf der Redaktionsleitung blieb aus.

Zu den Auseinandersetzungen um Softwarepatente siehe den Artikel auf c't aktuell (mit Linkliste zu den wichtigsten Artikeln aus der Berichterstattung auf heise online):

(Stefan Krempl) / (Stefan Krempl) / (jk)

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