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Solar-Guerilleros: Stromzähler laufen rückwärts

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Technisch ist es möglich, selbst erzeugten Strom auch ohne Absprache mit dem Netzbetreiber einzuspeisen. Stromzähler drehen sich dann unter gewissen Umständen rückwärts. Da der Tarif für eine Kilowattstunde Haushaltsstrom mittlerweile rund zehn Cent über der Einspeisevergütung liegen, macht das wirtschaftlich Sinn. Doch rechtlich und sicherheitstechnisch bewegen sich solche Solar-Guerilleros in einer Grauzone, wie das Magazin Technology Review in seiner aktuellen Ausgabe 8/2013 berichtet (am Kiosk oder direkt im Heise-Shop zu bestellen).

Im Süden Niedersachsens steht ein Einfamilienhaus, in dem Raphael Gause (Name geändert) mit seiner Familie zur Miete lebt. Er produziert seit Februar seinen eigenen Strom, doch weder der Energieversorger noch der Netzbetreiber wissen davon. Von der selbst montierten Solaranlage auf dem Garagendach führt ein Kabel durch ein gekipptes Fenster zu einer gewöhnlichen Steckdose über der Werkbank. So fließt der Strom ins Hausnetz und sucht sich den Weg zum nächstgelegenen Elektrogerät.

An einem sonnigen Sommertag liefern die Module mittags eine Leistung von 570 Watt, die fast immer direkt im Haus Abnehmer findet. Sollten die Gauses doch einmal mehr Strom produzieren, als sie brauchen, fließt er ins öffentliche Netz. Gause vermutet, dass sein Zähler dann rückwärts läuft. So zumindest haben es ihm andere Solar-Guerilleros beschrieben, selbst gesehen hat er es noch nicht.

Das Prinzip funktioniert auch für Elektro-Laien. Für weniger als tausend Euro sind im Internet Mini-Solaranlagen zu haben, die Mieter auf einem sonnigen Balkon aufstellen können. Angeschlossen werden sie einfach über die Steckdose. „Mit den Balkonkraftwerken können unsere Kunden ihre Stromrechnung um bis zu 25 Prozent senken“, sagt Toralf Nitsch, Geschäftsführer des bekanntesten Anbieters Sun Invention, der bisher 5500 Anlagen verkauft hat.

Bei der Sicherheit scheiden sich allerdings die Geister. Das gilt vor allem, wenn man viele Solarmodule an eine Leitung anschließt, die noch eine weitere Steckdose versorgt. Dann nämlich fließt der Solarstrom direkt von Dose zu Dose, unbemerkt von der Sicherung im Anschlusskasten. Auf diese Art kann ein Elektrogerät mehr Strom durch die Leitung saugen, als das Kabel verkraftet. Obendrein trickst die Balkonsolaranlage oft auch den Fehlerstromschutzschalter aus.

Deshalb widerspricht es gleich mehreren technischen Normen, Strom über die Steckdose ins Netz des eigenen Hauses zu speisen. Das heißt nicht, dass es verboten ist, denn eine Norm ist kein Gesetz. Sie in den Wind zu schlagen, legen Gerichte und Versicherungen aber oft als fahrlässig aus. Photovoltaik-Experte Ralf Haselhuhn von der Deutschen Gesellschaft für Sonnenenergie rät daher: „Wer mit einer Minisolaranlage seinen eigenen Strom erzeugen will, sollte einen Elektriker beauftragen, der die Anlage über einen eigenen Stromkreis fest mit dem Verteilerkasten verbindet.“

Balkonkraftwerk-Anbieter Sun Invention dagegen ist mittlerweile mit dem Normungsausschuss im Gespräch und überzeugt, dass die eigenen Produkte sicher sind: „Mit maximal sechs Modulen und einer 10-Ampere-Sicherung statt der üblichen 16 Ampere im Verteilerkasten kann der Strom nicht zu groß werden“, sagt Technik-Chef Holger Laudeley. Auch der Fehlerstromschutz funktioniere weiterhin, versichert er.

Mit Sicherheit am Rande des Gesetzes bewegt sich der Solar-Guerillero, wenn er den selbst geernteten Strom nicht aufbraucht. Dann fließt der Rest automatisch ins öffentliche Netz. Ältere Stromzähler laufen dabei rückwärts. Ob es sich dabei um Betrug handelt, hat noch kein Gericht entschieden. Energierechtsexperte Professor Martin Maslaton hält eine solche Auslegung für denkbar.

Viele Stromverträge verbieten den Kunden grundsätzlich, ihren eigenen Strom zu produzieren, denn so verändert der Kunde sein Verbrauchsprofil. Das aber legt der Versorger bei seiner Preiskalkulation zugrunde. Um Ärger zu vermeiden, empfiehlt Maslaton daher, schriftlich das Einverständnis des Stromversorgers einzuholen.

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(grh)