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Sommer-Wahlkampftheater um den Telekom-Chef

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Die Tage von Ron Sommer an der Spitze der Deutschen Telekom sind anscheinend gezählt. Immer mehr verdichteten sich die Hinweise, nach denen Bundeskanzler Gerhard Schröder den Telekom-Vorstandschef kurzfristig fallen lassen will. Der mächtig unter Druck geratene Sommer dürfte nach Einschätzung aus Branchenkreisen wohl mit einem Rücktritt sein Ende an der Vorstandsspitze der Deutschen Telekom selbst bestimmen und nicht auf seine Abberufung durch den Aufsichtsrat warten.

Als Nachfolger wurde bereits der frühere Volkswagen-Vorstandschef und Kanzler-Intimus Ferdinand Piech ins Gespräch gebracht -- eine Meldung, die von der Bundesregierung und VW umgehend dementiert wurde. Sollte Piech oder ein ähnliches Manager-Kaliber auf den Posten rücken, hätte Schröder einen Sanierer aus dem Hut gezaubert und mitten im Wahlkampf Handlungsfähigkeit bewiesen.

Für Schröder sind Sommer und die Telekom-Krise zum Wahlkampfkalkül geworden. Rund 2,8 Millionen Kleinaktionäre sind über den rasanten Kursverfall der T-Aktie verärgert. Das sind auch Wähler. Ihren Unmut könnte Schröder mit der Hoffnung auf einen Neustart an der Konzernspitze erst einmal besänftigen. Sommer steht seit Monaten -- ungeachtet der global schlechten Lage der Branche -- im Brennpunkt öffentlicher Kritik. Vor allem ihm werden der Kurssturz, die immens hohe Schuldenlast von mehr als 67 Milliarden Euro und ein zu teurer Expansionskurs des Konzerns angelastet. Die "Volksaktie" ist gegenüber ihrem Höchststand von rund 105 Euro im März 2000 nur noch ein Zehntel wert.

Zunächst hatte Bundeskanzler Schröder dem Telekom-Chef noch den Rücken gestärkt. Damit war es spätestens vorbei, als ein geheimer Bericht des Bundesrechnungshofs auftauchte, in dem geharnischte Kritik am Niedergang der Telekom geübt worden sein soll. Das wäre auch Munition für die Union und ihren Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber. Mit einer Ablösung Sommers böte der Kanzler der Union hier im Wahlkampf eine Angriffsfläche weniger. Friedrich Merz, Fraktionsvorsitzender der CDU/CSU im Bundestag, sah sich bereits zu einem eigenen Kommentar veranlasst "Ich warne den Bundeskanzler vor SPD-Parteipolitik in der Deutschen Telekom. [...] Es wäre ein verheerendes Signal, wenn die Bundesregierung die Deutsche Telekom missbrauchen würde, um von den aktuellen Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt und bei Babcock abzulenken." Ob Sommer geht, Piech kommt oder gar Wirtschaftsminister Werner Müller den Job als Telekom-Chef übernimmt, wie Merz befürchtet: Aus dem Tal der Tränen wäre die Telekom in keinem der Fälle.

Vom Wunder- zum Prügelknaben

Ron Sommer, 53, hat alle Höhen und Tiefen an der Spitze des größten Telekommunikationskonzerns Europas durchlebt: Einst als Hoffnungsträger gefeiert, wurde der Manager nach dem dramatischen Kursverfall der T-Aktie zum Prügelknaben der enttäuschten Kleinaktionäre. Für die üppige Erhöhung ihrer Gehälter trotz Milliardenverlusten wurden Sommer und seine Vorstandskollegen auf der letzten Hauptversammlung Ende Mai in Köln ausgebuht und verteufelt.

Geboren wurde Sommer 1949 als Sohn einer russischen Jüdin und eines Deutschen in der israelischen Hafenstadt Haifa. Ende der 50er Jahre siedelte die Familie nach Österreich über. In Wien studierte Sommer Mathematik und trug mit 21 Jahren schon einen Doktortitel.

Seine berufliche Laufbahn begann Mitte der 70er Jahre beim Computerhersteller Nixdorf in Paderborn. 1993 stieg er bei Sony zum Europa-Präsidenten auf. Zwei Jahre später wechselte Sommer nach Bonn, um den Staatskonzern Deutsche Telekom zu modernisieren.

Sein Privatleben hält der stets höfliche Sommer eisern unter Verschluss. Ohne Schlips und Kragen sah man ihn nur bei den Tour de France-Siegesfeiern des konzerneigenen Radrennstalls. Einer breiten Öffentlichkeit wurde er durch den Börsengang der Telekom 1996 bekannt. In der Folgezeit präsentierte sich Sommer gerne als Anwalt der T-Aktionäre.

Als die T-Aktie ins Bodenlose abstürzte und unzählige Kleinanleger sich um ihre Altersversorgung betrogen fühlten, kündigten sie dem smarten Manager die Gefolgschaft. Als "Totengräber der Aktienkultur" wurde Sommer beschimpft -- vorläufiger Tiefpunkt in der Karriere des einstigen Börsenlieblings.

Vom staatlichen Posthorn zum magenta Riesen

Dabei fing alles so gut an: Als Sommer 1995 zur Telekom kam, war die Umwandlung der privatisierten Deutschen Telekom bereits sechs Jahre, seit 1989, im Gange. Mittlerweile ist die AG einer der größten Telekommunikationsanbieter Europas und weltweit in die Top 10 gelangt. Allein in Deutschland betrieb die Telekom Ende vergangenen Jahres 50,7 Millionen Telefonanschlüsse. Mobil telefonieren weltweit rund 67 Millionen Menschen über die Telekom und ihre Töchterfirmen.

Der Konzern ist in vier Bereiche aufgeteilt. Im Bereich von T-Com ist das Festnetzgeschäft gebündelt, bei T-Mobile sämtliche Mobilfunkaktivitäten. Mit T-Online verfügt die Telekom über den größten Onlinedienst Europas mit fast 11 Millionen Kunden. Bei T-Systems sind die Leistungen im Bereich Informationstechnik und E- Business zusammengefasst. 2001 kam der Telefonriese auf einen Umsatz von 48,3 Milliarden Euro. Der Verlust betrug vor allem durch Abschreibungen rund 3,5 Milliarden Euro. Zum Jahresende beschäftigte die Telekom weltweit rund 257 000 Menschen.

Unter anderem der Kauf des US-Anbieters VoiceStream und der UMTS-Lizenz bescherten dem Konzern eine Schuldenlast von über 67 Milliarden Euro. Bis Ende 2003 sollen die Verbindlichkeiten auf 50 Milliarden Euro sinken. Größter Anteilseigner ist nach wie vor auch nach den Börsengängen, die die Aktie zur Volksaktie werden ließen, die Bundesrepublik Deutschland mit knapp 31 Prozent. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau hält über 12 Prozent. Seinen Höchststand hatte das Papier im März 2000 mit gut 100 Euro gesehen. (tol)

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