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Sony Music will peinlichen Vertrag mit Spotify unterdrücken

Nachdem ein Vertrag zwischen Sony Music und Spotify veröffentlicht wurde, aktivierten beide Unternehmen ihre Anwälte. Große US-Medien berichteten daraufhin nicht oder zögerlich. The Verge nahm den Vertrag nach vier Klagedrohungen offline.

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Kopf des Vertrages

An diesem 41 Seiten langen Werk behauptet Sony Music Urheberrechte.

(Bild: Screenshot)

Mitte der Woche veröffentlichte die Nachrichtenseite The Verge einen zwischen Sony Music und Spotify geschlossenen Vertrag. Er regelte von 2011 bis 2014 Streamingrechte für Kanada und die USA. Der Vertrag war beiden Unternehmen offenbar so peinlich, dass sie ihre Anwälte aktivierten. Sony Music hat The Verge angeblich gleich vier Unterlassungsaufforderungen geschickt. Das Label sieht in der Veröffentlichung des Vertrags eine Copyrightverletzung.

Spotify will nicht, dass wir wissen.

(Bild: dpa, Ole Spata)

Tatsächlich könnte an den kreativen Teilen des Vertrags Copyright entstanden sein. Da die Verfasser des Vertrags im Auftrag und gegen Bezahlung von Sony Music gehandelt haben, stünde dieses Copyright auch dem Label zu. Allerdings ist die gegenständliche Veröffentlichung als kritische Berichterstattung in einem US-Medium wohl auch ohne Genehmigung legal: Es dürfte sich um klassisches Fair Use handeln. The Verge will sich trotzdem nicht auf einen Prozess einlassen und hat das Dokument offline genommen.

Daraufhin hat Digital Music News (DMN) die Datei umgehend wieder ins Netz gestellt und mit einem Kraftausdruck garniert. Die selbe Website glaubt auch zu wissen, warum viele namhafte US-Medien über den Vertrag erst mit großer Verzögerung oder gar nicht berichtet haben. Laut DMN hat Spotify großen Druck ausgeübt und Drohungen ausgesprochen, um die Verleger zu verängstigen.

Auch Carrie Underwood fürchtet, von Sony Music übervorteilt worden zu sein.

(Bild: Larry Darling CC-BY 2.0)

An dem Tag, an dem The Verge den Vertrag online stellte, hatte das Branchenmedium Billboard über einen Gerichtsfall berichtet: Das Unternehmen 19 Recordings, welches die Teilnehmer der US-Talenteshow American Idol unter Vertrag hat, klagt gegen Sony Music wegen zu geringer Ausschüttungen aus Streamingrechten. Ein wesentlicher Teil der Klage wurde aber mangels Beweisen abgewiesen.

Für die Berufung braucht 19 Recordings den Spotify-Vertrag wie einen Bissen Brot. Welch erstaunlicher Zufall, dass der bis dahin geheime Vertrag plötzlich aufgetaucht ist. Über diese Veröffentlichung hat Billboard zwei Tage später berichtet, mit einer Stellungnahme von Sony Music.

Das Label gibt an, Einnahmen aus Vorauszahlungen und Mindestumsatzgarantien von Streamingdiensten sehr wohl mit seinen Künstlern zu teilen. Dazu bestünde eine "Breakage Policy". Der Aufteilungsschlüssel lässt sich dem Artikel nicht entnehmen. Auf Fragen von heise online hat das Unternehmen nicht reagiert. Dass Sony Einnahmen aus den von Spotify zu Verfügung gestellten Werbeplätzen und den praktisch gratis übernommenen Anteilen an Spotify ebenfalls mit seinen Künstlern teile, behauptet das Label nicht.

Eine Klausel des Spotify-Vertrags gewährt Sony Music das Recht, Werbespots und Anzeigen in erheblichem Umfang kostenlos bei Spotify zu platzieren. Einen Teil davon darf Sony ausdrücklich an Dritte verkaufen. Das gleiche Recht dürften sich die anderen großen Label gesichert haben.

Genau wie Spotify ist auch das IMMF in Luxemburg registriert.

(Bild: Cayambe CC-BY-SA 3.0 )

Speziell dieser geheime Werbedeal sorgt für Unmut in der Branche. Das International Music Managers Forum (IMMF), ein Verband von Künstler-Managern aus über 30 Ländern, hat einen Offenen Brief an zwei EU-Kommissare sowie zwei hochrangige US-Funktionäre geschickt. Der IMMF wünscht sich mehr Transparenz im Musikbusiness, damit Künstler kontrollieren können, ob sie von ihrem Label fair behandelt werden.

"Label übernehmen Marketingverpflichtungen und bekommen dafür einen großen Teil der Tantiemen", heißt es in dem Text, "Wenn ein Label die Rechte an der Musik für andere Dinge als Tantiemen eintauscht (...), gratis Werberaum bekommt (...), sollte das die (Berechnungsbasis) für die Aufteilung zwischen Label und Künstler ändern?" Konkrete Forderungen enthält der Offene Brief indes nicht. (ds)

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