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Sorge um Nutzerrechte wegen Copyright-Filter fürs Web 2.0

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US-Bürgerrechtsorganisationen fürchten angesichts der Kontrollbemühungen von Medien- und Internetfirmen über nutzergenerierte Inhalte auf Musik- und Videoplattformen um die "Fair Use"-Möglichkeiten. Die im Interesse der Allgemeinheit aufrecht erhaltenen Freiräume im Umgang mit Copyright-geschützten Werken seien angesichts der geplanten automatischen Filtertechnik im Kampf gegen Urheberrechtsverletzer kaum aufrechtzuerhalten, moniert die Präsidentin der Vereinigung Public Knowledge, Gigi Sohn. Es sei eine Schande, dass sich Googles YouTube und vergleichbare Dienste durch die Unterhaltungsindustrie zur Entwicklung von Techniken zur Einschränkung des freien Informationsflusses hätten hinreißen lassen. Die Web-2.0-Firmen müssten sicherstellen, dass aufgrund des Einflusses der Rechteinhaber die Balance im Copyright nicht weiter verloren gehe.

Andere Beobachter sprechen von einem "Frontalangriff auf die Internet-Freiheiten". Die großen Medienfirmen hätten nicht verstanden, dass die Plattformen für nutzergenerierte Inhalte vor allem als Werbung für die jeweils verwendeten Ursprungswerke zu verstehen seien. Ihnen wäre es nach wie vor am liebsten, bestimmte Inhalte ganz von einer Verbreitung im Internet abzuschotten.

Dass der freiwillig gewählte Filteransatz gefährlich sei, findet auch der Fachdienst Ars Technica: So könne die "Fingerabdruck-Technik" etwa nicht zwischen der erlaubten Verwendung geschützter Inhalte im Rahmen von Zitaten, Parodie oder Satire und tatsächlichen Copyright-Verletzungen unterscheiden. Die mitmachenden Online-Dienste würden zudem über die Auflagen des umstrittenen Digital Millennium Copyright Act (DMCA) hinausgehen und die Verantwortung über urheberrechtsfreie Angebote auf die Betreiber selbst abwälzen.

Die auf nutzergenerierte Inhalte setzenden Multimedia-Angebote Dailymotion, Veoh.com, MSN Soapbox und MySpace haben am gestrigen Freitag gemeinsam mit US-Medienriesen wie Disney, NBC Universal, CBS, Fox und Viacom Copyright-Prinzipien für Dienste mit nutzergenerierten Inhalten auf einer im Auftrag von Microsoft gehosteten Site vorgestellt. Die Richtlinien sehen vor, dass Medienunternehmen den Plattformbetreibern ihr Original-Material zum Abgleich mit neu von Surfern hochgeladenen Inhalten zur Verfügung stellen und IP-Adressen der Nutzer 60 Tage lang speichern. Google hat Anfang der Woche ein vergleichbares technisches System für die Web-2.0-Ikone YouTube präsentiert. Aus Originalinhalten soll dabei eine Art digitaler "Fingerabdruck" erstellt werden, mit dem der Filter "gefüttert" wird.

Die Erwartungen der Initiatoren der Copyright-Leitlinien sind hoch. Der Präsident von NBC Universal, Jeff Zucker, sieht mit dem von seinem Konzern mitgetragenen Selbstkontroll-Vorstoß etwa "einen bedeutenden Schritt markiert, mit dem das Internet von seinem Wild-West-Charakter befreit und in ein populäres Medium verwandelt wird, das die rechtlichen Regeln respektiert". Mit der Anerkennung der gegenseitigen Vorteile einer technologiebasierten Rahmenlösung im Kampf gegen "Piraterie" hätten Internet- und Medienfirmen die Grundlage für das "legale Wachstum von Video im Netz" geschaffen. Mit ähnlichen Worten hat Microsoft-Chef Steve Ballmer seiner Freude über die gute Zusammenarbeit im Interesse der Kunden Ausdruck verliehen.

Ein Vertreter von YouTube hat sich zurückhaltender über die Filter-Allianz geäußert: "Wir begrüßen die Ideen von den verschiedenen Medienunternehmen zur Identifizierung von Inhalten", heißt es bei der Google-Tochter. "Wir freuen uns, dass sie in diesen Fragen die Notwendigkeit zur Kooperation erkannt haben. Wir werden mit ihnen zusammenarbeiten, um unsere industrieweit führenden Werkzeuge weiterzuentwickeln." Einen konkreten Anschluss an die vom Konkurrenten Microsoft mitgetragene Initiative hat YouTube freilich nicht angekündigt. Google werde sich einem einheitlichen Filtermodell aber auf die Dauer kaum entziehen können, meint der Analyst James McQuivey von Forrester Research. Eng damit verknüpft ist auch das Schicksal anhängiger Gerichtsverfahren wie das von Viacom gegen YouTube.

Der Geschäftsführer von Viacom, Philippe Dauman, hat auf dem Web-2.0-Gipfel in San Francisco gerade noch einmal den Finger in die Wunde gelegt. "Niemand will ein proprietäres System, das nur einer Firma nützt", kritisierte er den bisherigen Alleingang Googles beim Filtern. Der Netzkonzern solle sich der Vereinigung daher möglichst rasch anschließen. Viacom verlangt von YouTube eine Milliarde US-Dollar Schadensersatz wegen quasi offen zur Schau getragener Copyright-Missachtung. Veoh und DailyMotion erhoffen sich derweil Vorteile gegenüber der drückenden Konkurrenz durch jetzt einfacher abzuschließende Partnerschaften mit traditionellen Medienhäusern. Zudem hoffen die an der Allianz beteiligten Online-Firmen, einer gesetzlichen Regelung mit dem Selbstkontrollversuch zuvorzukommen.

Hierzulande versicherte eine Sprecherin von MyVideo gegenüber heise online, "dass wir jede technologisch und wirtschaftlich umsetzbare Maßnahme unterstützen, die einen effizienteren Schutz vor Urheberrechtsverletzungen zur Folge hätte". Die Allgemeinen Geschäftsbedingungen von MyVideo würden ausdrücklich das Hochladen und die Veröffentlichung von urheberrechtlich geschützten oder rechtswidrigen Inhalten untersagen. Im Einklang mit den gesetzlichen Vorgaben würden letztere sofort entfernt, sobald MyVideo auf sie aufmerksam gemacht werde. Zudem setzte die Plattform eine Video-Finger-Print-Lösung ein, welche die ersten Sequenzen einer Datei beim Upload speichere. Werde ein anstößiger Clip entfernt, sei dieser Beitrag künftig für die Plattform MyVideo gesperrt und könne auch von anderen Nutzern nicht ein weiteres Mal eingestellt werden. (Stefan Krempl)/ (gr)