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Spartanische Gerüchte um Abschaffung des Internet Explorer

Microsoft baut einen komplett neuen Browser namens "Spartan" und beerdigt die Marke "Internet Explorer" – oder doch nicht?

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Erste Gerüchte kursierten seit Herbst, doch in den jüngsten Tagen haben sie sich fast zur Gewissheit verdichtet: Microsoft baut einen in weiten Teilen neuen Web-Browser.

Nach den bislang vorliegenden Informationen wird das kommende Windows 10 zumindest in der PC-Version zwei verschiedene Browser enthalten, von denen der eine der altbekannte Internet Explorer 11 ist. Dieser wird zuständig sein für all jene Webanwendungen, die auf die Eigenheiten der bisherigen elf IE-Versionen bauen – die es vor allem in Intranets noch zahlreich geben dürfte.

Die Neuheit ist der andere Browser, der bislang nur unter dem Codenamen "Spartan" bekannt ist. Auch er fußt fürs Rendering und für JavaScript auf der Trident- und der Chakra-Engine des Internet Explorer, doch wirft Microsoft dabei angeblich Altlasten über Bord, die sich in der fast zwanzigjährigen IE-Geschichte angehäuft haben. Welche das sein könnten, muss noch Spekulation bleiben, aber von ActiveX über VML bis zu DHTML-Behaviors gäbe es eine stattliche Liste historischer Features – und so eine Schlankheitskur (wie sie übrigens auch Google mit der Abspaltung Chromes von WebKit angegangen hat) würde den Browser nicht nur schneller machen, sondern auch sicherer.

Microsoft hat also seine eigene Browser-Engine Trident geforkt. Ein Zusammenspiel zweier unterschiedlicher Engines in einer Software ist keineswegs neu in der IE-Geschichte: So versuchte vor sechs Jahren der IE8 einen ähnlichen Spagat zwischen Innovation und Abwärtskompatibilität. Die Entscheidung, welche Engine startet, lag damals beim Dokument und dessen Headern; gut möglich, dass es auch diesmal so sein wird. Ein heutiger Internet Explorer 11 enthält die Engines fast aller seiner Vorgänger bis hinab zu Version 5.5.

Ein weiterer Anachronismus des Internet Explorer: Es fehlt eine zeitgemäße Erweiterungsschnittstelle – ein Missstand, den Spartan angeblich beheben soll. Es sieht so aus, als würde Spartan ähnlich wie Firefox, Chrome und Opera Addons unterstützen, die auf Webtechniken fußen statt auf Windows-APIs und sich daher leichter plattformübergreifend entwickeln ließen.

Schon seit Mitte 2014 war bekannt, dass Microsoft an einer grundlegenden Erneuerung der IE-Oberfläche arbeitet. Im September beschrieb dies ein Journalist, der das neue UI angeblich gesehen hat, als eine Kreuzung aus Chrome und Firefox, überzogen mit Microsofts typischem Flat-Design. Wie bei der Konkurrenz sind die Tabs über, nicht neben der Adresszeile.

Spartan soll eng mit Cortana zusammenarbeiten, dem sprachgesteuerten digitalen Assistenten in Windows 10. Zu den angeblichen weiteren Features zählen eine mit dem Cloudspeicher OneDrive verdrahtete Notiz-Funktion sowie die Gruppierung von Tabs. Unklar ist, ob die für 21. Januar erwartete erste Vorschauversion von Windows 10 bereits Spartan enthalten wird.

Welche Rolle Spartan genau im Microsoft-Universum spielen soll, ist derzeit noch ebenso offen wie so ziemlich jede andere Frage zu diesem Projekt. Möglicherweise wird er eine installierbare App sein, die nicht so tief im System verankert ist und sich schneller aktualisieren lässt als der Internet Explorer.

Laut ZDNet ist Spartan als Nachfolger der IE-Metro-App vorgesehen, wird aber nicht den althergebrachten Internet Explorer komplett ersetzen – und erst recht wird er nicht selbst "Internet Explorer 12" sein. Die IE-Entwickler räumten kürzlich ungewohnt freimütig ein, dass intern leidenschaftliche Diskussionen über einen Namenswechsel im Gange sind. Hintergrund ist, dass der Name "Internet Explorer" für das Web der späten 90er- und Nuller-Jahre steht und sich dabei mit schlechtem Karma vollgesogen hat.

"Spartan" wird der erste neue Browser unter der Ägide des CEO Satya Nadella – und vielleicht ist es ein gutes Zeichen, dass dieser aus Microsofts Cloud-Abteilung kommt. Fest steht jedenfalls: Wenn Microsoft im Browser-Rennen nicht weiter zurückfallen und immer mehr an Bedeutung verlieren will, braucht es tatsächlich einen überzeugenden Neustart. Um neue Nutzer hinzuzugewinnen und nicht nur den Schwund der alten zu verlangsamen, müsste dieser Neustart allerdings noch besser gelingen als seinerzeit jener zum Internet Explorer 7. (anw)