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"Spider-Man: Homecoming" – Ein Superheld geht nicht zum Abschlussball

Nach Sam Raimi und Marc Webb darf sich nun Jon Watts an dem beliebten Superhelden versuchen. Sein Spider-Man ist ein Teenie auf Identitätssuche und mit typischen High-School-Problemen. Leider ist John Hughes schon tot.

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"Spider-Man: Homecoming" – Ein Superheld geht nicht zum Abschlussball

(Bild: Sony Pictures Releasing)

Peter Parker hat keine Pickel. Da hat er Glück, denn für den Fünfzehnjährigen ist das Leben auch so hart genug. Peter (der jungenhafte Tom Holland) ist ein Nerd und hängt mit dem dicken Ned (Jacob Batalon) rum; in ihrer Freizeit bauen sie den Todesstern aus Lego. Zusammen mit anderen Strebern ihrer High School bilden sie das Team für den Schulwettbewerb "Akademischer Zehnkampf". Und wir wissen ja alle, wie es um das Ansehen von Strebern an amerikanischen High Schools bestellt ist.

Für Peter kommt erschwerend hinzu, dass er sich in Liz verknallt hat, eine zielstrebige Zwölftklässlerin, die auch Captain des Academic-Decathlon-Teams ist und aussieht wie ein Model (gespielt wird Liz von Laura Harrier, für die das sprichwörtliche "Model-Slash-Actress" wohl eine treffende Berufsbezeichnung ist). Peter ist natürlich zu schüchtern, der Angebeteten seine Gefühle zu offenbaren.

Peter merkt nicht, dass seine Teamkollegin MJ (Zendaya, laut Wikipedia heute Schauspielerin-Slash-Sängerin-Slash-Tänzerin, vorher mal Disney-Kinderstar) hinter ihrer rauen Schale eine sensible Seele verbirgt. MJ sucht Peters Nähe und stalkt ihn sogar ein bisschen. Doch er hat nur Augen für Liz.

Der große Homecoming-Ball steht vor der Tür und Peter muss all seinen Mut zusammennehmen, um Liz die große Frage zu stellen. Dem Happy-End steht eigentlich nichts mehr im Wege, doch natürlich hält das Drehbuch zahlreiche Wendungen bereit, die sich dem jungen Glück entgegenstellen. Und dass Liz' Vater von der Verbindung alles andere als begeistert ist, versteht sich von selbst.

Während das Drehbuch pflichtschuldigst die Klischees sämtlicher US-Teenie-Komödien seit 1980 abarbeitet, fragt man sich, ob man vielleicht im falschen Film sitzt. Da ist es gut, dass Peter ab und zu in ein rot-blaues Kostüm steigt und an Spinnenfäden durch die Gegend schwingt: Kein Zweifel, das ist also doch der neue Spider-Man.

Im Titel "Spider-Man: Homecoming" ist das Teenager-Drama schon angelegt. Aber es ging dem Produktionsteam von Marvel und Sony auch darum, den vielleicht nahbarsten, weil menschlichsten Superhelden zu seinen Wurzeln zurückzuführen. Die Comic-Autoren Stan Lee und Steve Ditko haben die Figur Anfang der 1960er Jahre als ganz normalen Jungen angelegt, der mit den Herausforderungen des Erwachsenenwerdens ebenso zu kämpfen hat wie mit dem Superheldsein.

Dem wollten Regisseur/Co-Autor Jon Watts (sein erster Superhelden-Blockbuster) und ein Team von fünf Drehbuchautoren (man darf davon ausgehen, dass noch weitere "uncredited" beteiligt waren) Rechnung tragen. Man kann es damit aber auch übertreiben: "Spider-Man: Homecoming" ist so knallhart auf ein Teenie-Publikum getrimmt, dass sich die Eltern, die mit den Comics groß geworden sind, auf zwei anstrengende Stunden im Kino einstellen müssen. Sie werden wehmütig an Sam Raimis "Spider-Man" von 2002 zurückdenken und halten sich ansonsten besser an Marvels Netflix-Serien, die auch Erwachsene gefahrlos anschauen können.

Spider-Man: Homecoming (18 Bilder)

Peter ist ein kleiner Nerd.
(Bild: Sony Pictures Releasing)

"Homecoming" markiert auch die Heimholung Spider-Mans ins Marvel Cinematic Universe (MCU), in dem der zum Filmstudio mutierte Comic-Verlag seit "Iron Man" (2008) seine Produktionen ansiedelt. Alle Superhelden und ihre Filme oder Serien stehen in Beziehung zueinander. Der neue Spider-Man hatte einen ersten Auftritt im Avengers-Film "Captain America: Civil War" (2016) und bekommt jetzt seinen Solo-Auftritt. Es soll der Auftakt einer neuen Reihe sein.

In "Spider-Man: Homecoming" geben gleich zwei alte Bekannte aus dem Marvel-Universum die abwesende Vaterfigur: Tony Stark (Robert Downey Jr.) und sein Chauffeur/Bodyguard "Happy" Hogan (Jon Favreau, Regisseur der ersten beiden "Iron Man"-Filme). Doch erweist sich das MCU als schwere Hypothek: Peter bekommt einen Anzug von Tony Stark, der fast alles kann, was der Iron Man auch kann. Dabei geht verloren, was Spider-Man eigentlich ausmacht.

Peter möchte sich vor seinem Ziehvater Tony Stark beweisen und wünscht sich einen Platz im Team der Avengers. Mit jugendlichem Übermut nimmt er es alleine mit dem Verbrechen in seiner Stadt auf. Er übt noch, auch was seine Super-Fähigkeiten angeht, was zu zahlreichen Fehlschüssen und mindestens einem Ejakulationswitz führt. Artgerechte Unterhaltung für die Zielgruppe eben.

Bei seinen Übungen durchkreuzt Peter die Pläne von Adrian Toomes (Michael Keaton), dessen Unternehmen nach der Schlacht um New York (aus dem Film "Avengers") pleite gegangen ist, weil das von Stark gegründete Department of Damage Control die Bergung der Alien-Technik an sich reißt. Doch Toomes hat ein bisschen außerirdischen Schrott auf Seite geschafft und zieht einen regen Handel mit Alien-Waffen auf.

Mit extraterrestrischer Technik baut sich Toomes einen Anzug mit mechanischen Flügeln: Als "The Vulture" wird er Spider-Mans erster Endgegner. Vulture ist die interessanteste, weil komplexeste Figur in "Homecoming"; eigentlich ist er kein schlechter Kerl. Es dürfte allerdings kein Zufall sein, dass in dem korrekt diversifizierten Ensemble des Films die Rolle des Bösewichts einem weißen alten Mann mit family values zufällt.

"Spider-Man: Homecoming" erzählt zwei Geschichten: Ein Teenie-Drama um Peter Parker und irgendwie auch ein Superhelden-Epos. Immerhin schaffen es Regie und Drehbuch, beides doch noch zusammenzuführen. Am Ende wird fast noch ein richtiger Film daraus. Aber eben nur fast. Es bleibt ein High-School-Film mit Superhelden, bei dem das Beste der Song zum Abspann ist. Hey ho, let's go!

Quelle: Sony Pictures

"Spider-Man: Homecoming" ist ab Donnerstag, 13. Juli 2017, im Kino. Fun fact: Einzelheiten zur Produktionsgeschichte des Films sind in E-Mails zwischen Sony und Marvel nachzulesen, die Hacker 2014 erbeutet hatten und später von Wikileaks veröffentlicht wurden. (vbr)

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