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Spiegel Online: Textschwund durch Adblocker

Der Kampf um Werbeblocker wird mit aggressiven Mitteln geführt. Auf dem Hamburger Nachrichtenportal wurden nun die Artikel verstümmelt. Das wurde nun behoben, aber der Kampf geht weiter.

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Werbeblocker AdBlock

(Bild: dpa, Monika Skolimowska)

Sandro Castronovo staunte nicht schlecht, als er in den vergangenen Tagen das Nachrichtenportal Spiegel Online besuchte. Die Texte der Artikel schienen merkwürdig verstümmelt – erst wenn der Koblenzer seinen Adblocker wieder abschaltete, konnte er wichtige Textpassagen lesen. Eine Erklärung dafür fand der Ingenieur jedoch nicht. Zwar appellierte das Nachrichtenportal an seine Leser, auf Werbeblocker zu verzichten, verzichtet bisher aber darauf, Adblock-Nutzer auszusperren.

Eine Recherche von heise online zeigte: Das Problem war offenkundig die Filterliste "Easylist Germany", die sowohl von Adblock Plus, Adblock for Chrome, uBlock und vielen anderen Werbeblockern verwendet wird, um Werbung auf deutschsprachigen Seiten zu erkennen. Eine kürzlich eingespielte Filterregel sorgte hier für das Overblocking, das neben der Werbung auch einzelne Textpassagen ausblendete.

Auf Anfrage von heise online an den Hersteller von Adblock Plus, die Kölner Firma Eyeo, wurde der Eintrag inzwischen aus der Easylist Germany gelöscht. Folge: Wenn sie die Filterliste aktualisieren, können Adblock-Nutzer wieder komplette Artikel lesen, bekommen aber auch gleichzeitig wieder Werbung angezeigt.

Adblocker verstümmelt Nachrichtentexte (5 Bilder)

Mit eingeschaltetem Adblocker verschwanden in den Artikeln von Spiegel Online ganze Absätze.

Wie viele andere Portale setzt Spiegel Online schon seit geraumer Zeit Techniken ein, um Adblocker auszumanövrieren. Die Vermarktung-Tochter der Spiegel-Gruppe bestätigt gegenüber heise online, dass das Portal mit dem Dienst AdDefend zusammenarbeitet, um Werbung an den Adblockern vorbeizuschleusen. Es sei aber nicht gezielt eingegriffen worden, um die Texte bei Adblock-Nutzern unlesbar zumachen.

AdDefend identifiziert Adblock-Nutzer und liefert ihnen speziell angepasste Werbung aus. Hierbei wird Werbung zum Beispiel nicht mehr von normalen Adserver ausgespielt, die von Werbefiltern relativ einfach identifiziert und ausgesperrt werden können. Parallel arbeitet der Dienst mit ständigen Anpassungen im Quellcode ihrer Kunden, um Werbung an den Filtern vorbeizuschleusen, die Werbeanzeigen an spezifischen CSS-Merkmalen identifizieren. Mittlerweile gibt es Dutzende von Dienstleistern, die solche Techniken anbieten.

Facebook war mit dieser Strategie Ende August erfolgreich. So entfernte der Konzern sämtliche spezifischen Marker für werbliche Beiträge aus dem Quelltext der Plattform – und stellte die Werbeblocker damit vor die Alternative, entweder keine Werbung zu blockieren oder auch nicht-werbliche Beiträge aus der Timeline der Nutzer zu tilgen. Diese Sperre machte sich auch in den Werbeumsätzen des Konzerns bemerkbar.

Waren Anzeigen, die durch Adblocker geschleust werden, bisher eher niedrigpreisige Angebote von der Resterampe des programmatischen Advertisings, haben inzwischen Agenturen die exklusiven Werbeplätze als Bonus entdeckt. So machte in den vergangenen Wochen die Spirituosen-Marke Fernet-Branca gezielt Werbung für Adblock-Nutzer. Auch Netflix hat eine solche Kampagne eingeleitet.

Unerwünschte Nebenwirkungen von Adblockern kommen nicht zuletzt wegen der vielen Umgehungsmechanismen immer wieder vor. Bereits im vergangenen Jahr warnten die Entwickler der Easylist in ihrem Blog davor, dass Websites, die einen besonders lästigen Umgehungsmechanismus einsetzten, künftig nicht ordnungsgemäß funktionieren könnten. (Torsten Kleinz) / (mho)

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