Spiele-Entwicklung: Das lange Warten auf die Games-Förderung

Weil das Interesse an der Spieleförderung so groß ist, kommt das BMVI mit der Bearbeitung nicht hinterher. Gerade kleine Spielefirmen sitzen auf heißen Kohlen.

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Blizzard auf der Gamescom

Andreas Scheuer, Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur, sitzt auf der Gamescom an einem Computerspiel.

Von
  • Daniel Herbig

380 Bewerbungsskizzen für die De-Minimis-Spieleförderung gingen zwischen Juni und August beim Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) ein. Bisher bekamen nur 14 Projekte die Fördermittel zugesagt, die der abgeschlagenen deutschen Games-Branche auf die Sprünge helfen sollen. Zahlreiche Bewerber warten und bangen, seit Monaten schon, im Ungewissen. Die lange Wartezeit und die Auflagen der Förderungsrichtlinien bereiten gerade kleinen Entwicklerstudios Kopfzerbrechen.

Laut Förderrichtlinie können Projekte nämlich nur dann gefördert werden, wenn die Entwicklung zum Zeitpunkt der Zusage noch nicht begonnen hat. Das sogenannte "Verbot des vorzeitigen Maßnahmenbeginns" soll unter anderem verhindern, dass Antragsteller in finanzielle Schwierigkeiten geraten, wenn die Förderung letztlich ausbleibt. In der Praxis bedeutet das: Entwickler, die sich auf die De-Minimis-Beihilfe beworben haben, dürfen während der Wartezeit nicht mit der Arbeit an ihrem Projekt beginnen, da sie sonst ihren Förderungsanspruch verlieren würden.

Gleichzeitig schrieb das BMVI aber lange einen festen Abgabezeitpunkt vor: Bis zum 30. November 2020 müssen geförderte Spieleprojekte fertig sein, hieß es ursprünglich. Zumindest diese Deadline ist nicht mehr in Stein gemeißelt: Weil die Spieleförderung auch für die kommenden Jahre genehmigt wurde, kann das BMVI auch Bewilligungen über den 30. November 2020 hinaus aussprechen. "Wir stehen im Dialog mit den einzelnen Projekten, um die Zeitplanungen für die Umsetzung der Vorhaben entsprechend anzupassen", teilte das Ministerium heise online mit.

Die Situation vieler Bewerber ist dennoch heikel: Sie warten seit Monaten auf Rückmeldung vom BMVI, um mit ihrer Arbeit beginnen zu können, müssen dabei aber jederzeit startklar sein. Während der Wartezeit können Entwicklergehälter, Miete und Ausgaben für Soft- und Hardware anfallen. Gerade für kleine, aufstrebende Spieleunternehmen ist jede zusätzliche Woche schmerzhaft. "Das ist absolut geschäftsschädigend“, sagte ein Entwickler, der anonym bleiben möchte, im Gespräch mit heise online. "Welches Startup kann es sich denn leisten, ein halbes Jahr lang Däumchen zu drehen?“

Sein Projekt habe er im August eingereicht, seitdem warte er auf eine Rückmeldung. Mehrere Mails mit Nachfragen zum Zeitplan blieben vom BMVI unbeantwortet. "Die Informationslage ist grottenschlecht. Wir warten seit vier Monaten und werden komplett im Regen stehen gelassen.“ Er befürchtet, seine Angestellten wegen der Ungewissheit nicht halten zu können. "Dann wären die Investitionen von 50.000 Euro, die ich bisher aus privaten Mitteln finanziert habe, letztlich aus dem Fenster geworfen.“ Zwei Privatinvestoren seien außerdem mit der Begründung ausgeschieden, die Spieleförderung des BMVI sei zu vage und unsicher.

Das Problem der aufgezwungenen Wartezeit sieht auch Jan Reichert, Geschäftsführer beim Karlsruher Entwickler kr3m und Dozent an der Games Academy. Er hat mit kr3m und einem Nebenprojekt insgesamt zwei Projektskizzen beim BMVI eingereicht und wartet bei beiden noch auf Rückmeldung. "Wir sind stabil aufgestellt", sagte Reichert heise online. "Mit 30 Mitarbeitern gehören wir noch zu den größeren Entwicklerstudios in Deutschland, wir können die Zeit überbrücken. Die meisten Bewerber auf die Spieleförderung dürften aber deutlich kleiner sein. Für die ist das wirklich ein Riesenproblem."

Ein anderer Unternehmer sagte, er habe sich bei der Finanzierung seines Projekts nach langem Überlegen gegen einen ausländischen Publisher und für die Spieleförderung entschieden, um unabhängig arbeiten und die Markenrechte behalten zu können. Mittlerweile bereut er diese Entscheidung: "Das war praktisch eine Wahl zwischen Pest und Cholera. Wenn meine Entwickler nicht uneingeschränkt hinter dem Projekt stehen würden, hätte ich mich schon eingraben können."

Die De-Minimis-Beihilfen sind Subventionen, die den Wert von 200.000 Euro nicht überschreiten und deswegen nicht bei der Europäischen Kommission angemeldet werden müssen. Einreichungen waren vom 3. Juni bis zum 30. August 2019 möglich. Der Prozess läuft zweistufig: Erst werden die eingereichten Skizzen gesichtet. Entsprechen sie den Anforderungen des BMVI, darf der Bewerber seinen Antrag auf Förderung einreichen. Viele Entwickler warten derzeit aber noch auf eine erste Antwort auf ihre eingereichten Skizzen.

Auch Felix Falk, Geschäftsführer des Verbands der deutschen Games-Branche "game", bedauert die Verzögerungen. Zwar seien Anlaufschwierigkeiten beim Start eines neuen Förderprogramms zu erwarten, schreibt Falk in einer Stellungnahme an heise online. "Ein halbes Jahr nach Start der De-Minimis-Förderung sollten die Prozesse mittlerweile aber eigentlich eingespielt sein, damit die Unternehmen endlich mit der Entwicklung beginnen können und nicht noch mehr Zeit verlieren. Als Verband stehen wir mit dem wirklich sehr engagierten, aber leider noch zu kleinen Team im zuständigen Ministerium in einem regen Austausch und werben für vereinfachte und schnellere Prozesse.“

Viele der 380 Projektskizzen wurden erst kurz vor Fristende eingereicht. Beim BMVI war man von der Anzahl der Bewerbungen überrascht: Weil die Kapazitäten für die Bewertung so vieler Projektskizzen nicht ausreichten, holte sich das Bundesverkehrsministerium notgedrungen Unterstützung beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Seit Mitte Oktober greifen Mitarbeiter der Abteilung DLR Projektträger dem BMVI bei der Beurteilung der Skizzen unter die Arme.

Trotzdem schreitet der Prozess, in dessen Rahmen die Skizzen chronologisch nach Einreichungsdatum abgearbeitet werden, nur langsam voran. Die ersten sechs Spiele, die eine Förderung bekommen, wurden im Oktober bekannt. Am 6. Dezember hat das BMVI die Förderung von acht weiteren Titeln bekanntgegeben, zehn weitere Bewilligungen sollen noch in diesem Jahr folgen.

Bis Ende 2019 sollen außerdem alle Bewerber zumindest eine Rückmeldung bekommen, teilte das BMVI auf Nachfrage mit. "Die Erwartungen der Einreichenden hinsichtlich eines schnellen Projektstarts sind verständlich. Angesichts der Vielzahl der Einreichungen werden wir in den nächsten Wochen noch weitere Optionen für zusätzliche administrative Kapazitäten und Verfahrensbeschleunigungen zur Bewältigung der positiven Nachfrage ausloten."

Mit Blick auf die "erfreulich hohen Einreichungszahlen" schrieb das BMVI am 19. September in einer Mail an die Antragssteller, man strebe eine Bearbeitungszeit von drei bis sechs Monaten an. Eine zweite Mail verschickte das Bundesministerium am 29. November. Darin steht: "Wir gehen davon aus, dass der gesamte Bewertungsprozess in den nächsten Wochen abgeschlossen ist und wir Ihnen eine Rückmeldung zum Stand Ihrer Einreichung geben können."

Neben den auf jeweils 200.000 Euro begrenzten De-Minimis-Beihilfen hat sich auch die Großprojekt-Förderung für Videospiele verzögert. Insgesamt stehen dem BMVI 2019 bis zu 50 Millionen Euro für die Förderung von Videospiel-Entwicklung zur Verfügung. Mit diesen Investitionen möchte die Bundesregierung dem lahmenden Spielmarkt in Deutschland Beine machen. Der Umsatzanteil in Deutschland entwickelter Videospiele auf dem deutschen Markt ist 2018 auf unter 5 Prozent gefallen. Nach langem Hin und Her hat die Bundesregierung im November entschieden, dass Spieleentwicklung bis mindestens 2023 weiter mit 50 Millionen Euro pro Jahr gefördert wird. (dahe)