Menü
Gamescom

Spiele zwischen Wirtschaftsfaktor und Grenzüberschreitung

vorlesen Drucken Kommentare lesen 135 Beiträge

Während sich zehntausende Spielefans durch die Kölner Messehallen drängten, beratschlagten 400 Branchenvertreter, Politiker und Wissenschaftler auf dem parallel zur Spielemesse stattfindenden gamescom congress am heutigen Donnerstag die wirtschaftliche und soziale Bedeutung von Computerspielen. Während sich alle Beteiligten einig zeigten, möglichst viel vom lukrativen Geschäft mit Unterhaltungssoftware nach Deutschland zu holen, sorgen Regulierungsfragen weiterhin für Streit.

Zum ersten Mal trifft sich die Spielebranche dieses Jahr in Köln.

(Bild: Koelnmesse)

Der nordrhein-westfälische Medienminister Andreas Krautscheid (CDU) betonte vor allem die wirtschaftlichen Aspekte der Spiele-Industrie. So hatten Landespolitiker alles daran gesetzt, den Branchentreff vom bisherigen Veranstaltungsort Leipzig an den Rhein zu holen, um den Medienstandort im Westen zu stärken. Während andere Medienzweige eher Sorgen bereiteten, sei es nun an der Zeit, gezielt die Spiele-Branche zu fördern. Die sei vergleichsweise noch klein, aber ein Innovationsmotor für die gesamte Industrie: "Die Games-Industrie treibt die IT-Entwicklung genau so voran wie Werbung, Design und Filme", erklärte Krautscheid.

Trotz erheblicher Wachstumshoffnung plädierte Krautscheid für weitere Regulierungen: "Wir müssen hier noch einige weiße Flecken schließen – vor allem im Online-Bereich", erklärte der CDU-Politiker. Dabei stehe der Jugendschutz keineswegs im Gegensatz zum wirtschaftlichen Erfolg der Branche. Die erfolgreiche Regulierung des Offline-Bereichs sollte nun auch auf Online-Spiele übertragen werden. Krautscheid sieht hier die Chance für staatenübergreifende Regelungen: "Dabei muss aber klar sein: Wir können uns international nicht auf dem niedrigsten Niveau treffen."

Krautscheid kritisierte die anhaltende politische Diskussion um so genannte Killerspiele: "Manch ein Politiker ist versucht, sich im Wahlkampf zu Dingen zu äußern, von denen er nur wenig versteht", sagte der Minister. Die Diskussion verlaufe derzeit sehr "undifferenziert und tendenziös". Statt nur die negativen Seiten der Spiele zu beleuchten, will er sich mehr auf die positiven Effekte auf Spieler und Gesellschaft konzentrieren: "Spiele können Leute auch weiter bringen", sagte Krautscheid. "Hier liegen enorme Potenziale, über die wir bisher zu wenig reden."

Unterstützung erhielt der Politiker vom Präsidenten der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger. Er kritisierte den alarmistischen Diskurs zum Thema Spiele, der unter anderem zur Absage mehrerer von seiner Behörde organisierten Informationsveranstaltungen geführt hatte. Krüger sprach hier von einem "Pfeifferschen Medienfieber" und spielte dabei auf den Kriminologen und ehemaligen niedersächsischen Justizminister Christian Pfeiffer an, der immer wieder vor negativen Auswirkungen von gewalthaltigen Computerspielen warnt und Verbote fordert.

Auch auf dem Podium in Köln herrschte keine Einigkeit über die Wirkung von Computerspielen auf Jugendliche. Während Norbert Schneider, Direktor der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen von einem "hedonistischen Eskapismus" sprach, bei dem Menschen aus den sozialen Regeln ausbrächen, betonte Krüger die konstruktiven Wirkungen von Computerspielen auf die Charakterbildung: "Hier findet ein Realitätsabgleich statt", sagte er.

Krüger sprach sich auch für konsistentere Regeln bei der Durchsetzung des Jugendmedienschutzes aus. Die Zuständigkeit unterschiedlicher Behörden schaffe kaum nachvollziehbare Widersprüche. So würden in der ARD-Sportschau um 18:30 Uhr Werbespots gezeigt, die im Privatfernsehen erst ab 22 Uhr laufen dürften. Bei der anstehenden Regulierung von Online-Spielen sollten eine solche ungleiche Behandlung vermieden werden. Krüger widersprach der These von Branchenvertretern, dass die Selbstregulierung ohne staatliche Einmischung besser laufe.

Minister Krautscheid forderte von der Industrie zudem ein weitergehendes Engagement, um Suchtverhalten bei Spielern nicht zu befördern. Wenn etwa eine Gilde Missionen verliere, weil ein Spieler mit seiner Familie zu Abend esse, sei dies ein nicht zu unterschätzender Faktor: "Solche Suchtelemente müssen Einfluss auf die Klassifizierung solcher Spiele haben", sagte Krautscheid. (Torsten Kleinz) / (vbr)