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Spionagenetz "Ghostnet": Ein "Weckruf für die Politik"

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Nach der Enttarnung eines international operierenden Spionagenetzes im Internet hüllen sich deutsche Behörden in Schweigen. Bislang wollten weder das Auswärtige Amt in Berlin noch das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) eine Einschätzung abgeben, in welchem Umfang Deutschland oder deutsche Vertretungen im Ausland betroffen sein könnten. Nach Erkenntnissen kanadischer Forscher hat das Netz weltweit in weniger als zwei Jahren mindestens 1295 Rechner in 103 Ländern ausgespäht und zahllose Dokumente gestohlen. Auch einige ausländische Botschaften in Deutschland stehen auf der Liste.

Nach seiner Aufdeckung fuhr das von den Forschern "GhostNet" getaufte Netzwerk seine Aktivitäten am Montag zurück. Die Wissenschaftler des Munk-Zentrums für Internationale Studien der Universität Toronto berichteten, nach zunächst unverändertem Tempo seien die Aktionen eingeschränkt worden. Die Domains, die die meist in China stehenden Kontroll-Server bisher benutzt hätten, seien inzwischen ungültig oder hätten neue Adressen, sagte ein Experte des Munk-Zentrums. "Einige der Informationen sind noch in Umlauf, aber die meisten werden langsam heruntergefahren."

Die Forscher hatten am Wochenende ihren Bericht über das bislang unbekannte Spionagenetz veröffentlicht. Danach sind bis zu 30 Prozent der infizierten Rechner "hochrangige Ziele" wie Regierungsstellen, Außenministerien, Medien und internationale Organisationen. In Deutschland stehen die Botschaften Zyperns, Indiens und Portugals mit auf der Liste. Besonders betroffen sind die Büros des Dalai Lama, die den Anstoß für die Untersuchung gaben. Das Netzwerk arbeitet vor allem über Rechner in China. Beweise für eine Beteiligung der chinesischen Regierung hätten sich jedoch nicht finden lassen, betonten die Forscher erneut.

Ron Deibert, einer der federführende Wissenschafter am Munk-Zentrum, nannte die Erkenntnisse einen Weckruf für die Politik. "Was wir sehen, ist ein internationales Verbrechen. Wir müssen anfangen, über Wege einer Waffenkontrolle im Cyberspace nachzudenken", forderte er.

Eine Sprecherin des Bundesverfassungsschutzes erklärte auf Anfrage von dpa lediglich: "Der Fall bestätigt unsere bisherige Einschätzung." Solange die Untersuchung aus Toronto nicht im Detail bekannt sei, könnten keine konkreten Angaben gemacht werden. Das für die Frage zuständige Auswärtige Amt wollte sich zu der Studie nicht äußern. Nach einer Publikation des Verfassungsschutzes von Ende 2008 zum Thema Spionage ist auch Deutschland "bedeutendes Aufklärungsziel" für die "Nachrichtendienste einer Reihe von Staaten" – wegen seiner wichtigen Rolle in EU und NATO, aber auch aufgrund seiner geopolitischen Lage. "Hauptträger der Spionageaktivitäten seien derzeit die Russische Föderation und die Volksrepublik China", heißt es darin. Eine zunehmende Bedeutung gewännen dabei "internetbasierte Angriffe auf Computersysteme" auch von Regierungsstellen. Am Wochenende war aber auch bekannt geworden, dass britische Geheimdienste vor der Möglichkeit chinesischer Cyberangriffe warnen.

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(jk)