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Stanford-Professor warnt vor Public Clouds: "Jeff Bezos will das Universum beherrschen"

Stanford-Professor David Cheriton ist überzeugt: Public-Cloud-Anbieter wie Amazon Web Services sind weder günstiger noch stabiler als ein eigenes Rechenzentrum. Jeff Bezos sei wie ein mittelalterlicher König, der Bauern Steuern abpresse.

Cloud

(Bild: dpa, Peter Steffen)

"Die Public Cloud ist ein Irrglaube", so Informatik-Professor David Cheriton während eines Vortrags vergangene Woche im Silicon Valley. Cheriton, der durch seine frühen Investitionen in Google sowie VMware und eigene Unternehmensgründungen zum Milliardär wurde, stört sich hierbei am Wort "public". Es suggeriere, dass die Cloud allen gehöre. Dabei gehört sie nur jeweils nur einem Unternehmen wie Amazon. Ähnlich irreführend wäre es, Disneyland als "öffentlichen Vergnügungspark" zu bezeichnen.

Amazon-Gründer Jeff Bezos, der ebenfalls zu den ersten vier Google-Investoren gehört, agiere nach Ansicht von Cheriton wie ein König im Mittelalter. Er verspreche Bauern Schutz vor Wegelagerern, wenn sie in seine Burg zögen. Dort angekommen, zocke der König die Schutzbefohlenen dann über immer neue Steuern ab. Auf die Public Cloud übertragen bedeutet die Analogie: Unternehmen, die ihre IT-Infrastruktur zu Amazon Web Services (AWS) auslagern, sind der Preispolitik des Anbieters auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.

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Besonders kritisch sieht er die vorgefertigten Dienste, die Cloud-Anbieter wie Amazon, Google oder Microsoft ihren Kunden bieten. Wer seine Anwendungen auf diesen Diensten basieren lasse, sei eingesperrt und könne den jeweiligen Cloud-Anbieter nur noch mit großem Aufwand wieder verlassen (Vendor lock-in).

Die Public Cloud ist nach Ansicht von Cheriton nur sinnvoll für Start-ups oder Projekte in Unternehmen, bei denen zu Beginn die Anforderungen an die Infrastruktur noch nicht absehbar seien und Investitionen in eigene Dienste wenig Sinn ergäben. Sind die Kinderkrankheiten überstanden, sollte Unternehmen wieder in das eigene Rechenzentrum zurück ziehen. Es sei ein Irrglaube, dass man sich als Unternehmen ausschließlich auf die eigene Kernkompetenz konzentrieren muss, da der IT-Betrieb zu komplex sei.

Im Gespräch mit heise online erzählte Cheriton von lediglich mittelgroßen Unternehmen, die zehntausende US-Dollar pro Monat an Amazon überweisen würden. "Für diese Summe kann man dank heute verfügbarer Technik das Rechenzentrum auch selbst betreiben", so der Professor. Welche Techniken dies sind, lies Cheriton offen. Er verwies aber auf ein weiteres von ihm finanziertes Start-up namens Apstra. Das Unternehmen bietet automatisch, sich je nach Anforderung der Anwendung selbst konfigurierende Netzwerkinfrastruktur. Damit sei der IT-Betrieb auch für kleine Teams gut zu beherrschen.

Neben dem fehlenden Kostenvorteil sieht Cheriton auch kaum Vorteile hinsichtlich der Stabilität. So gebe es immer wieder weitflächige Ausfälle von Amazons Infrastruktur, von denen dann gleich zehntausende oder mehr Unternehmen betroffen seien. Außerdem zweifelt der Professor an der Sicherheit einer Infrastruktur, auf der zigtausende von Anwendungen laufen. Side-Channel-Attacken beispielsweise seien extrem schwer zu entdecken. "Jeff Bezos verspricht zwar, das Klo sauber zu halten, das von Tausenden genutzt wird. Aber wäre nicht doch ein eigenes Klo besser und sauberer?", so Cheriton.

Auch am Konkurrenzdenken von Amazon stört sich David Cheriton: So habe Amazon Web Services jahrelang Online-Supermärkte gehostet und konnte so deren Geschäft analysieren. Mit dem Aufkauf der Bio-Supermarktkette Whole Foods wurde Amazon dann plötzlich zum Konkurrenten. Das gleiche gelte für Anbieter von Videokonferenzplattformen, die ihre Dienste auf AWS betreiben und sich jetzt Amazons Chime-Angebot gegenüber sehen.

Selbst Boeing denke darüber nach, Amazon Web Services nicht länger zu nutzen, da Amazon ins Drohnengeschäft einsteigen wolle und somit zum Konkurrenten für den Luftfahrtkonzern würde. "Jeff Bezos will das Universum beherrschen", sagt Cheriton. (Uli Ries) / (axk)

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