MWC

Stelldichein der Mobilfunkbranche

Zum Mobile World Congress in Barcelona werden auch 2012 wieder über 60.000 Fachbesucher erwartet. Zahlreiche Aussteller zeigen ihre Neuheiten – darunter Smartphones, Prozessoren, Netztechnik und Apps.

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Von
  • Volker Briegleb

Die U-Bahn fährt. Das ist die gute Nachricht, mit der die Veranstalter am Wochenende vor der Eröffnung des diesjährigen Mobile World Congress (MWC) aufwarten konnte. Der öffentliche Nahverkehr Barcelonas wird bestreikt. Das Metro-Personal hat sich kurz vor der wichtigsten Messe der Mobilfunkbranche mit der Stadt geeinigt, doch die Busse werden wohl nicht fahren. So wird das Taxi-Chaos vor dem betagten Messegelände der Fira de Montjuïc, auf dem ab Montag rund 60.000 Fachbesucher und Journalisten erwartet werden, wohl noch ein bisschen größer als in den vergangenen Jahren.

Während der Messejahrgang 2012 für die Branche eher im Zeichen der Evolution des Bekannten steht, stellt er für Veranstalter und Stammbesucher eine Zäsur dar. Zum letzten Mal findet die Messe in den alten, für die Weltausstellung 1929 gebauten Hallen statt. Im kommenden Jahr zieht der Tross ein paar Kilometer weiter die Gran Via runter auf das neue Messegelände. Wenn der MWC am Montagmorgen seine Tore ein letztes Mal an der Plaça d'Espanya öffnet, erwarten rund 1000 Aussteller die Besucher.

Schon am Sonntag steht die katalanische Metropole ganz im Zeichen der Messe. Große Aussteller wollen der Enge der Messehallen entgehen und zeigen ihre Neuheiten schon traditionell am Vorabend der Eröffnung an verschiedenen Veranstaltungsorten in der Stadt. Inzwischen machen das immer mehr Unternehmen, sodass der erste Messetag für die Medien von Sonntagnachmittag bis in die Nacht geht. Neben bekannten Größen wie Sony (Ex-Ericsson) und HTC zeigt auch der hierzulande als Handyhersteller noch wenig in Erscheinung getretene chinesische Netzwerkausrüster Huawei am Sonntag neue Smartphones – darunter wohl das erste Android-Gerät mit einem Vierkern-Prozessor.

Huawei ist nicht die einzige chinesische Branchengröße, die große Pläne für den europäischen Markt hat. Auch ZTE tritt in Barcelona mit neuen Android-Smartphones an. Die Chinesen wollen mit preisgünstigen, aber leistungsfähigen Geräten punkten. Mit ihnen wird zu rechnen sein: Kurz vor der Messe gaben ZTE und Huawei Milliarden-Deals mit Chip-Lieferanten wie Qualcomm und Broadcom bekannt. Auch Fujitsu wagt sich aufs Android-Parkett und zeigt Smartphones und Tablets für den europäischen Markt. Und mit Panasonic kommt ein alter Bekannter zurück.

Generell geht der Trend bei Smartphones zu leistungsfähigeren Prozessoren mit zwei bis vier Kernen. Die Geräte werden dünner und die Displays größer – die Trennlinie zwischen Tablet und Handy verschwimmt. Bei LGs Optimus Vu kann man angesichts des 5-Zoll-Displays und einem Seitenverhältnis von 4:3 nicht mehr so genau sagen, ob es noch ein Smartphone oder schon ein Mini-Tablet ist. Asus liefert mit seinem "Padfone" ein Smartphone und Tablet zum Zusammenstecken.

Der Mobile World Congress ist auch ein wichtiger Treffpunkt für Chiphersteller und Netzbetreiber, denen der Smartphone-Boom gute Geschäfte beschert. Die Vorstandschefs der großen Player geben sich in Barcelona die Klinke in die Hand und auf dem die Messe begleitenden Kongress ihre Einsichten zum besten. In diesem Jahr werden unter anderem Telekom-Chef René Obermann, Vodafone-CEO Vittorio Colao und Paul Otellini von Intel erwartet. Auch Google-Grandseigneur Eric Schmidt wird zu Gast in Barcelona sein.

Steve Ballmer bleibt wohl zu Hause. Microsoft zeigt einer ausgewählten Journalistenschar eine Vorschau auf das neue Desktop-Betriebssystem Windows 8. Vermutlich wird es auch ein paar Neuigkeiten über die kommenden Versionen von Windows Phone ("Tango" und "Apollo") geben. Auch Microsofts Partner Nokia ist nach Barcelona gekommen und hat wohl ein paar neue Lumias im Gepäck.

Während Apple wie immer mit Abwesenheit glänzt, ist iOS als das dominierende "Ökosystem" neben Android überall auf der Messe Thema. Daneben will sich Microsoft mit dem vor zwei Jahren in Barcelona vorgestellten Windows Phone immer noch als dritte Kraft etablieren. Ein anderes, auf dem MWC 2009 unter viel Applaus vorgeführtes Betriebssystem hat den Durchbruch nicht geschafft: Das von Palm entwickelte WebOS bringt der neue Eigentümer Hewlett-Packard nun als Open Source mit auf die Messe. Dazu gesellt sich in diesem Jahr die Mozilla Foundation, die mit dem offenen Smartphone-Betriebssystem "Boot to Gecko" und einem Anwendungsmarktplatz eine Alternative zu den hermetisch geschlossenen Systemen der Branchengrößen schaffen will.

Neben den Messedauerbrennern LTE und NFC – die beide dieses Jahr nun endlich den versprochenen Durchbruch haben sollen – ist das Thema Apps und App-Entwicklung inzwischen eine feste Größe auf dem MWC. Seit seiner Premiere im Messejahr 2010 hat sich der "App Planet" in Halle 7 samt eigener Entwickler-Konferenz zum festen Treffpunkt der App-Economy gemausert. Inzwischen ist das Geschäft mit den kleinen Handy-Anwendungen ein Milliarden-Business, auf das nicht nur die Netzbetreiber neidvoll schielen. Der MWC 2012 wird auch zeigen, wie weit es die Plattform-Initiativen der letzten Jahre – etwa die von Netzbetreibern gestützte Wholesale Application Community – gebracht haben. (vbr)