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Stirb langsam/2

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Vor zehn Jahren, am 31. März 1992, erschien unter alleiniger Regie von IBM das PC-Betriebssystem OS/2 2.0. Bis zur Version 1.3 hatte Big Blue zusammen mit Microsoft an OS/2 als Nachfolger für DOS und als bessere Lösung für die ersten Gehversuche mit einer grafischen Bedienoberfläche namens Windows gearbeitet. Nunmehr stand mit OS/2 2.0 ein 32-bittiges, mit präemptivem Multitasking ausgestattetes Betriebssystem auf dem Programm, und zwar ein ganzes -- nicht nur ein DOS-Aufsatz wie das damalige Windows. Zumindest das Ziel eines vollwertigen DOS-Nachfolgers hatte für viele schon das 16-bittige OS/2 1.3 in Perfektion erfüllt; für manche noch heute die stabilste und schnellste OS/2-Version, die es je gab. Nur wollte kaum jemand damit arbeiten -- zumal es Anfangs fast nur auf IBMs hauseigenen PS/2-Rechnern vernünftig zur Mitarbeit zu bewegen war (erinnert sich noch jemand an den Microchannel?). Eine grafische Benutzeroberfläche glänzte in den ersten Versionen zudem durch Abwesenheit.

Nach der eigenen GUI namens Presentation Manager -- was gleichzeitig die Programmierschnittstelle für die Anwendungen bezeichnete --, kam dann aber der Bruch der Entwicklungs-Eltern und der Beginn eines langen Zwists. Das Produkt, mit dem IBM dann vor 10 Jahren am Markt erschien, brachte als grafische Oberfläche die Workplace Shell mit und verlangte ganz neue Vertriebs-Aktivitäten vom Mainframe-Riesen und PC-Software-Neuling.

Die objekt-orientierte Oberfläche hatte es für den Anwender in sich -- genauso wie die objekt-orientierte Programmierschnittstelle SOM für die Entwickler. Die Bedienoberfläche zeichnete jedenfalls eine Reihe ganz neuer Konzepte für ein PC-Betriebssystem aus: Mit der rechten Maustaste konnte man jedem Icon ein Kontex-Menü entlocken und auf Registerkarten spezifische Eigenschaften justieren. Einzelne Objekte, auch Laufwerks-Icons, konnte man auf dem Desktop ablegen, dafür war es vorbei mit der Einteilung in Windows-Gruppen -- und mancher Anwender hatte anfangs so seine Schwierigkeiten, die Unterscheidung zwischen dem eigentlichen, physisch vorhandenen Objekt und einer Referenz auf ein solches Objekt nachzuvollziehen. Das Multitasking erschien den OS/2-Anhängern wie eine Offenbarung. Endlich konnte man beispielsweise eine Musikdatei ohne Aussetzer abspielen, während man auf dem Rechner weiter arbeitete. Dazu kam, dass das System erheblich seltener abstürzte als Windows.

Beim Ausführen von Programmen gab es jedoch einen Pferdefuß: Was bei den mitgebrachten Utilities problemlos funktionierte, brachte die altgewohnten Windows-Anwendungen, auf die die meisten Anwender mangels wichtiger nativer OS/2-Anwendungen angewiesen waren, mitunter zum Stolpern. Dann war Feintuning angesagt, was meistens dazu führte, dass ein Programm in die eingebaute Windows-Emulation dergestalt verbannt werden musste, dass die Emulation wieder als völlig isolierter Windows-Desktop arbeitete und nicht, wie bei Win-OS/2 viel gelobt, sich als Fenster in die Workplace Shell integrierte. Hier waren später die bedeutendsten Neuerungen für OS/2 Warp 3 und Warp 4 im Busch, mussten doch immer bessere Windows-Emulationen her, um dem Ruf gerecht zu werden, ein besseres Windows als Windows anzubieten. Trotz dieser Pflege geriet das System im Vergleich zum später erschienenen, aber technisch wesentlich bescheideneren Windows 95 und dessen Nachfolgeversionen zusehends ins Hintertreffen.

Schuld waren drei Faktoren: Die Installationsprozedur des Systems war IBM gründlich missraten und ließ ihre Früchte nur den hartgesottensten Fanatikern zuteil werden. Dann gab es die von Microsoft kaum bedauerten Schwierigkeiten, verbreitete Anwendungen lauffähig unter OS/2 einzurichten, und schließlich bekleckerte sich Big Blue auch nicht mit Ruhm, wenn es um die Vermarktung des Schicksalsprojekts und die Gewinnung von Firmen ging, die ihre Anwendungen nach OS/2 portierten. Zwar hatte der Konzern zeitweilig so viele Ressourcen in die OS/2-Entwicklung gesteckt, dass auch dieser ausbleibende Markterfolg das Weltunternehmen in ernsthafte wirtschaftliche Bedrängnis brachte. Aber ein brauchbares Händlernetz, das große Käuferschichten anlocken konnte, suchte man als Privatanwender vergebens. Wenigstens gab es das von IBM unterstützte Team OS/2, in dem engagierte Händler und Fans den Support in eigene Hände nahmen. Allerdings legte sich die Truppe schon bald ein so militantes Image zu, dass wiederum breite Käuferschichten abgeschreckt wurden.

Bei gewerblichen Kunden -- Maschinenbauern, die eine robuste Anlagensteuerung suchten, und insbesondere Banken und Versicherungen, die schon bald beispielsweise eine gepflegte Verzahnung zwischen OS/2 und IBMs Midrange-System OS/400 nutzen konnten -- kam das unkaputtbare PC-System auf nennenswerte Marktanteile. Und die genießt es noch heute: Schätzungsweise eine halbe Million Arbeitsplätze ziert noch heute die Workplace Shell, und erst vor wenigen Wochen hat IBM seinen Unternehmenskunden den OS/2-Support auf lange Sicht aufgekündigt.

Dass Big Blue sich mit den Renovierungen seines PC-Systems extrem wenig Arbeit machen musste, hängt wohl auch mit der überlegenen Startposition von 1992 zusammen. Anders als beim Werdegang von Windows 1.0 über Windows 2, Windows/386, Windows 3.1, Windows 95/NT und Windows ME/2000 bis zu Windows XP haben sich interne Schnittstellen von OS/2 in den letzten zehn Jahren kaum verändert, sodass lediglich die Treiber für neue Hardware nachzulegen waren. Und der Verzicht auf den Massenmarkt nahm IBM irgendwann auch die Sorge, sich ständig neue Windows-Anpassungen antun zu müssen. Diese Aufgabe schrieb sich ersatzweise das Projekt Odin auf die Fahnen, über dessen Erfolge man sich auf dessen Webseite ein Bild machen kann. Auch anderweitig offenbart sich ein nicht enden wollendes Interesse privater Anwender am IBM-Betriebssystem, etwa im letztes Jahr erschienenen OS/2-Revival eComstation.

Auch Kritiker werden nicht leugnen können, dass OS/2 eine deutlich stabilere Fangemeinde um sich schart als andere, so genannte alternative Betriebssysteme. So finden sich auch für neueste Softwarefamilien durchaus noch OS/2-Ports, etwa beim Webbrowser Opera oder Macromedias Animationssoftware Flash. Kein Zweifel: Der Betriebssystem-Opa, der eigentlich 1987 geboren wurde und 1992 eine radikale Verjüngungskur erfuhr, steht im Schatten, ist aber noch verblüffend gut bei Puste. (Peter Schüler) / (jk)