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#StopSpyingOnUs: Bürgerrechtler gegen Kontrollverlust bei Online-Werbung

Das System der Online-Werbung basiert zum Großteil auf Echtzeit-Auktionen. Bürgerrechtler fordern von Datenschützern eine Generalüberholung des Systems

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(Bild: Sebastian Bertalan ( CC BY 2.5))

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Mit einer gemeinsamen Kampagne unter dem Slogan "Stop Spying On Us" fordern Bürgerrechtler eine Überarbeitung der Echtzeit-Auktionen in der Online-Werbung. Dazu haben die Organisationen Digitale Gesellschaft, Netzwerk Datenschutzexpertise, Digitalcourage und der Datenschutzverband Deutschland Beschwerden bei den 16 Landesdatenschutzbehörden eingereicht.

Die Bürgerrechtsorganisationen schließen sich damit der Beschwerde an, die unter anderem vom Browser-Hersteller Brave in Gang gebracht wurde. Bisher beteiligen sich zwölf verschiedene europäische Organisationen an den Beschwerdeverfahren.

Das "Real Time Bidding" (RTB) hat sich in den vergangenen Jahren zum dominanten System des Werbehandels etabliert. Statt Werbebanner direkt auf einer Website zu buchen, ersteigern die Werbetreibenden Plätze auf Tausenden verschiedener Websites, die ihr Inventar auf Echtzeit-Marktplätzen anbieten. Dabei werden Daten über die zugehörigen Zielgruppen eines Nutzers wie Alter, Geschlecht, Interessen, aber auch deutlich spezifischere Profilinformationen an die Marktplätze übertragen.

Noch während der Nutzer eine Website lädt, laufen die Auktionen im Hintergrund ab. In der Beschwerde greifen die Bürgerrechtler sowohl das vom Interactive Advertising Bureau (IAB) standardisierte OpenRTB-System, als auch die proprietäre Variante aus dem Hause Google mit dem Namen "Authorized Buyers" an.

Die Datenschützer sind der Auffassung, dass diese massenhafte Übermittlung von persönlichen Daten nicht mit der Datenschutz-Grundverordnung zu vereinbaren ist. Elisabeth Niekrenz, Juristin und politische Referentin der Digitalen Gesellschaft, erklärt: "Das Ausmaß an intimsten Informationen, die beim Surfen entstehen und über deren weitere Verwendung Internetnutzerinnen und -nutzer jede Kontrolle verlieren, ist immens." So würden selbst Daten zur sexuellen Orientierung regelmäßig auf die Echtzeitmarktplätze übertragen.

Neben der Datenübermittlung an sich stört die Datenschützer auch das Fehlen eines Kontrollsystems. So könnten die Bürger angesichts der Weitergabe von Daten an unübersichtlich viele Marktteilnehmer gar nicht mehr ermitteln, welches Unternehmen welche Informationen von ihnen habe. Die entsprechenden Vorschriften der DSGVO liefen also ins Leere. Die Bürger hätten keinerlei Mitsprache, Kenntnis oder Kontrolle über diese nachfolgende Nutzung ihrer Daten. Die als "Data controller" zuständigen Unternehmen würden auf eine ernsthafte Kontrolle verzichten und schlicht darauf vertrauen, dass sich ihre Geschäftspartner an die Vorschriften halten. Technische Sicherungen der persönlichen Daten gebe es im OpenRTB-System nicht.

Eine von der IAB angekündigte Überarbeitung des OpenRTB-Standards halten die Bürgerrechtler für nicht ausreichend, da die Organisation nicht auf die Kern-Probleme der existierenden Praxis eingegangen sei. Stattdessen sei es nun Zeit für die Aufsichtsbehörden, die gesamte Branche zu überprüfen, um eine konsistente und datenschutzkonforme Praxis zu erreichen.

Um mehr öffentlichen Druck aufzubauen, haben die beteiligten Organisationen eine Kampagnenseite aufgesetzt, bei der sich individuelle Bürger den Beschwerden anschließen können. Ob dieses Vorgehen aber tatsächlich eine Beschleunigung des bereits eingeleiteten Verfahrens erreichen kann, ist fraglich, da bei der DSGVO das One-Shop-Prinzip besteht. Auf die Entscheidung einer zuständigen Datenaufsicht können andere Behörden erst im weitergehenden Verfahren Einfluss nehmen. (axk)