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Strahlendes Erbe: Berlins Forschungsreaktor BER II wird Geschichte

Ein Knopfdruck reicht nicht, um am Mittwoch Berlins Forschungsreaktor in Wannsee abzuschalten. Der Rückbau wird mehr als ein Jahrzehnt dauern.

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Blick in die Experimentierhalle mit dem Forschungsreaktor BER II

(Bild: HZB)

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Am 11. Dezember, Punkt 14 Uhr, läutet Berlin das Ende seines Atomzeitalters ein. Wissenschaftler des Helmholtz-Zentrums wollen dann ihren Forschungsreaktor in Wannsee endgültig abschalten. Uranspaltung wird es in der Hauptstadt damit nicht mehr geben. Mit einem Knopfdruck ist das Stilllegen aber nicht getan. Die Berliner Brennelemente bleiben hoch radioaktiv und strahlen noch eine Ewigkeit.

Wirklich traurig ist über das Abschalten wohl kaum jemand. Denn die großen Unfälle und Unglücke in Kernreaktoren, zuletzt 2011 im japanischen Fukushima, haben immer auch auf Berlins Anlage am Stadtrand ausgestrahlt – vom Stresstest bis hin zur Flugrouten-Diskussion. Die Arbeit aber beginnt jetzt erst richtig: Allein der Rückbau in Wannsee wird mehr als ein Jahrzehnt dauern. Die geschätzten Kosten liegen bisher bei 240 Millionen Euro. Den Löwenanteil trägt der Bund.

Dosimeter, Ganzkörpermonitor und schwere blaue Stahltüren: Ins Herz des Berliner Reaktors kommen Besucher nur nach umfangreichen Checks. Jeder Unbedarfte lernt: Das hier ist kein klassisches Atomkraftwerk mit 4000 Megawatt Leistung. "Die Anlage hat nur zehn Megawatt und dient nicht der Energiegewinnung", erläutert Leiter Stephan Welzel. Es ging immer allein um Neutronen, die bei der Kernspaltung freigesetzt werden. Denn sie können Materialien besonders gut durchleuchten, um ihre Eigenschaften besser zu bestimmen. Vom Archäologen bis zum Grundlagenforscher ist das für Wissenschaftler reizvoll.

Wenn der Physiker Welzel Laien den Forschungsreaktor erklärt, spricht er von einer Art Röntgengerät, das Wissenschaftlern hier nach strengen Kriterien für Versuche zur Verfügung steht. Für Anwohner hatte der Reaktor immer auch eine andere Seite: Sie erhielten Katastrophenschutzpläne, in denen es im Ernstfall um Sicherheitszonen und Jodtabletten ging. Dazu gab es Ratschläge wie: im Haus bleiben, Fenster schließen und Ruhe bewahren.

Grund für Beunruhigung gab es nach Medienberichten zum Beispiel 2011, als ein angeblicher Riss im Kühlsystem zu Tage trat. Die Betreiber winken noch heute ab. Sie sprechen von einer inzwischen beseitigten maroden Schweißnaht, von der keine Gefahr ausgegangen sei. Die Reparatur dauerte 2014 ein Jahr, der Reaktor machte in der Zeit Pause. Insgesamt führt das Bundesamt für kerntechnische Entsorgungssicherheit 79 meldepflichtige Ereignisse für die Anlage auf. Kritisch sei keines davon gewesen, sagt Stephan Welzel. War ihm sein Arbeitsplatz schon einmal unheimlich? "Wir haben das im Griff", antwortet er.

Warum dann abschalten? Für das Helmholtz-Zentrum geht es nach eigenen Angaben vor allem um finanzielle Ressourcen. Die Berliner Anlage ist in die Jahre gekommen. Die Aufrechterhaltung des Standes von Wissenschaft und Technik würde in Zukunft immer aufwendiger, heißt es. In der Abwägung hätten heute auch Röntgenquellen wie Berlins Elektronenspeicherring "Bessy II" ein größeres Zukunftspotenzial als eine Neutronenquelle – und das ganz ohne Kernbrennstoff und Spaltung von Uran. Für Leiter Welzel kam das Aus durch den Aufsichtsrat 2013 dennoch überraschend.

Sein Job hat sich seitdem gewandelt. Sein Projektteam arbeitet nun die komplizierten Anträge aus, um den Forschungsreaktor Geschichte werden zu lassen. "Wir wollen ihn bis zur letzten Schraube abbauen und sicher verpacken", sagt er.

Heißt Abschalten auch ein bisschen Wehmut? Der Physiker zögert. "Nein", sagt er dann. Auch der Rückbau gehöre zu einem Reaktorbetrieb über Dekaden dazu. "Alle Lebenszyklen eben", ergänzt er. Der erste Berliner Forschungsreaktor, von 1958 bis 1972 in Betrieb, ist heute auf dem Gelände sicher eingeschlossen und wird von der Landessammelstelle für radioaktive Abfälle überwacht.

Seit Anfang der 1950er Jahre hat sich damit die Einstellung zur friedlichen Nutzung von Kernreaktoren stark gewandelt. War mit ihnen anfangs oft Euphorie über eine neue und saubere Energiequelle verbunden, herrscht heute die kritische Sicht vor. Denn neben der erwiesenen Unfallgefahr bleibt das lange Erbe.

Auch in Wannsee. Allein schon Plutonium als radioaktives Spaltprodukt des Berliner Forschungsreaktors hat eine Halbwertzeit von mehr als 25.000 Jahren. Die hoch radioaktiven Brennelemente müssen deshalb erst in das Zwischenlager im westfälischen Ahaus gebracht werden und irgendwann später dann in ein deutsches Endlager, das es heute noch gar nicht gibt.

Ein Rückbau bis zur letzten Schraube heißt für die Brennelemente jedoch erst einmal, vor dem Transport nach Ahaus drei Jahre im hauseigenen Wasserbecken abzuklingen. In dieser Zeit soll die Genehmigung für die nächsten Schritte des Rückbaus eintreffen. Läuft das nach Plan, kommen schwächer radioaktiv belastete Bauteile später in eine spezielle Halle auf dem Gelände. Am Ende, ab 2033, könnte statt des Reaktorgebäudes eine grüne Wiese übrig bleiben.

Noch aber ist der Reaktor in Betrieb. Von der Leitwarte aus kann das durchaus spektakulär wirken: Eine Halle mit einem blau leuchtenden Wasserbecken. Im Reaktorkern in zehn Metern Wassertiefe wird Uran gespalten und damit hohe Radioaktivität erzeugt. Das Wasser wird dabei rund 40 Grad heiß.

Scharf sind die Forscher auf die Neutronen, die bei der Kettenreaktion entstehen. Sie werden in Röhren in die Experimentierhalle geleitet. In der langen Geschichte des Berliner Reaktors haben Forscher damit schon Dinosaurier-Schädel, Schwerter aus dem Mittelalter und Ölgemälde durchleuchtet. Oft ging es aber auch um hochkomplexe Vorgänge wie zum Beispiel die Abläufe in einer aktiven Brennstoffzelle – Grundlagenforschung eben.

Es gebe Wissenschaftler, die das Aus für den Forschungsreaktor nun bedauerten, sagt Welzel. Denn in Deutschland biete dann nur noch München eine vergleichbare Technik an. Alle anderen deutschen Forschungsreaktoren sind bereits abgeschaltet – bis auf einen kleinen Uni-Reaktor zu Ausbildungszwecken in Mainz.

In Berlin haben die Anwohner das Interesse an ihrem Uran-Nachbarn auch seit der Entscheidung zur Stilllegung nicht verloren. Rund alle zwei Monate gibt es Treffen von Interessierten, wie der Rückbau ablaufen soll. Richtig feiern will am Mittwoch das Anti-Atom-Bündnis Berlin: Es lädt zur "Abschaltparty" nach Potsdam – samt blauen Schwimmbad-Cocktails. (mho)